MinusGrenzen

Oscargewinner 2021: Nomadland

Karge Landschaften, schier unendliche Weiten. Und mitten darin Männer und Frauen, manche weit über sechzig, die wie Nomaden in ihren Vans durch die USA ziehen, von Teilzeitjob zu Teilzeitjob. Viele von ihnen haben durch die Wirtschaftskrise ihre Altersvorsorge verloren. Eine von ihnen ist Fern, gespielt von Frances McDormand. Die sechzigjährige Witwe hat ihren Van zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht und reist dort hin, wo sie gerade arbeitet findet – Pakete packen bei Amazon, Klos putzen auf Campingplätzen oder Gerichte servieren in einem Burgerladen.

Nomaden über sechzig

Auf ihrem Weg begegnet Fern vielen Menschen, die sich wie sie in wirtschaftlich prekären Situationen befinden. Auf ihrer Reise ohne Ziel hört sie irgendwann von Bob Wells, einer Art Guru des Mobile Living, der in der Wüste ein jährliches Event für Gleichgesinnte organisiert. Dort treffen sich die Nomaden, um sich auszutauschen, über alternative Lebensmodelle zu diskutieren und einfach um füreinander dazu sein.

Nach erfolgloser Suche nach einem neuen Arbeitsplatz besucht Fern das Well’s Nomaden-Event und fühlt sich schnell wohl unter den manchmal mehr, manchmal weniger schrägen Außenseiter*Innen, die aus unterschiedlichen Gründen ihren alternativen Lebensweg gewählt haben.

Auf ihrer weiteren Reise wird Fern immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob eine Rückkehr in die bürgerliche Lebenswelt nicht eben doch langfristig besser wäre, als ständig alleine unterwegs zu sein. Ihre Schwester und ehemaligen Kollegen und Kolleginnen jedenfalls können nicht verstehen, wie Fern so leben kann und begegnen ihr mit Mitleid.

Reale Menschen und Schicksale

Als Grundlage für den Film der Regisseurin Chloé Zhao diente das Sachbuch Nomadland: Surviving America in the Twenty-First Century der Journalistin Jessica Bruder. Herausgekommen ist ein Spielfilm mit stark dokumentarischen Zügen. Die meisten Figuren werden nicht von professionellen Schauspielern verkörpert, sondern von Menschen, die sozusagen als sich selbst auftreten und oft in kleineren Monologen an verschiedenen Stellen des Films einen Einblick in ihre Lebensgeschichte bieten. Insbesondere die erste Hälfte des Films wirkt so über weite Strecken fast mehr wie ein Dokumentar-, denn ein Spielfilm. Das ändert sich in der zweiten Hälfte, wenn die eigentliche Filmdramaturgie und damit Ferns persönliche Reise und Entwicklung stärker in den Vordergrund treten. Davor ist Fern eher eine Art Reisebegleiterin, welche die Zuschauer durch das titelgebende Nomadland führt.

Beruht auf dem Buch Nomadland


Brillante Hauptdarsteller

Frances McDormand erweist sie als Idealbesetzung für die starke, eigenwillige Fern. Einerseits gelingt es ihr, ein differenziertes Bild einer starken, eigenständigen Frau zu zeichnen, die nach dem Tod ihres Mannes keinen Fixpunkt mehr im Leben hat. Sie glänzt mit einer zurückhaltenden Darstellung, mit der sie den unterschiedlichen Figuren neben sich stets genug Platz einräumt. Sie lässt nie den Eindruck aufkommen, ein Hollywoodstar teile hier seine Screentime mit Laiendarsteller*Innen.

Neben Frances McDormand spielt mit David Strathairn ein weiterer ausgewiesener Charakterdarsteller eine größere Rolle und macht seinen Job ebenfalls toll. In der zweiten Filmhälfte entspinnt sich zwischen ihm und Fern eine wunderbar feinfühlige und zerbrechliche kleine Liebesgeschichte zweier Menschen, der man in ihrer Unbedarftheit gerne folgt.

Unkritisch aber sympathisch

Die große Qualität des Films besteht insbesondere darin, wie er aus den verschiedenen Aspekten ein harmonisches Ganzes schafft, in dem sich jedes Element positiv einfügt. Eine große Portion Menschlichkeit, die aufrichtige Sympathie für seine Protagonist*Innen, sowie die feine Figurenzeichnung prägen den Film. Auf formaler Ebene kommen eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen dazu, die von einem ruhigen sich perfekt einfügenden Soundtrack begleitet werden.

Ein durch und durch sympathischer Film also, dem vielleicht an der einen oder anderen Stelle noch etwas mehr Mut zur kritischen Betrachtungen gutgetan hätte. Zu einer eigentlichen System- oder Gesellschaftskritik kann oder will sich der Film nicht durchringen. Wenn der Film an einigen Stellen Bob Wells und seine Botschaften ins Zentrum rückt, bekommt das Ganze zudem ein bisschen den Impetus einer Predigt geführt von einem Guru, der hier unhinterfragt auf einen Sockel gehoben wird.
Chloé Zhao interessiert sich also weniger für eine kritische Betrachtung, sondern für die Menschen. Ihnen gehören ihre Sympathien.

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