MinusGrenzen

Zurich Film Festival: Jacinta

Wie stark bestimmt die Umwelt, in der wir aufwachsen über unser Schicksal? Wie stark kann die Liebe zwischen einem Kind und seine Mutter sein und wo sind seine Grenzen?
Mit solchen Fragen werden die Zuschauer des Dokumentarfilms Jacinta im Laufe der rund 90 oft schmerzhaften Minuten konfrontiert. Ein Dokumentarfilm, der mit der Intimität des Gezeigten die Grenzen auslotet.

Mütter und Töchter

Der Film beginnt im Maine Correctional Center, wo die 26-jährige Jacinta und ihre Mutter ihre Haftstrafen verbüßen. Doch, während ihre Mutter noch Haftzeit vor sich hat, wird Jacinta nach neun Monaten endlich entlassen. Die Geschichte von Jacinta und ihrer Familie ist erschreckend, durchzogen von Drogensucht und Kriminalität. Trotz allem lieben sich Mutter und Tochter innig und der Abschied, als Jacinta die Haftanstalt verlässt, fällt schwer.

Doch nun will Jacinta einen Neuanfang. Wie sie später erzählt, sollte der Film ihre späte Success-Story dokumentieren. Und tatsächlich spricht vordergründig vieles für sie. Jacinta selbst ist eine sympathische, offene junge Frau und draußen wird sie nach ihrer Entlassung von ihrem Vater und einem Bruder warm empfangen. Sie erhält einen Platz in einer Wohngruppe, wo sie sich erst einmal an das Leben draußen wieder gewöhnen soll. Der Film stellt klar, trotz ihrer Geschichte, kann sie auf ein unterstützendes Umfeld zählen. Und schließlich ist da noch Jacintas Tochter, die 10-jährige Caylynn. Anders als ihre eigene Mutter hatte Jacinta Caylynn schon als Baby weggeben, um sie von dem Kreislauf aus Kriminalität und Drogen fernzuhalten, in dem sie selbst feststeckte. Auch Caylynns‘ Pflegeeltern unterstützen Jacinta und fördern den Kontakt zwischen Mutter und Tochter. Und tatsächlich, so erzählt Caylynns Pflegemutter, sei die Beziehung zwischen Jacinta und ihrer Tochter ganz außergewöhnlich. Selbst, wenn Jacinta zuvor ein Jahr lang vom Erdboden verschwunden gewesen sei, würde sich zwischen Mutter und Tochter jeweils augenblicklich wieder tiefe Vertrautheit einstellen. Und genau dies dokumentiert auch der Film, der Jacinta auf den ersten Besuchen nach ihrer Haftentlassung bei ihrer Tochter begleitet. Es sind herzerwärmende Szenen, die keinen Zweifel an der starken Bindung zwischen ihnen aufkommen lassen.

Abwärtsspirale

Und obwohl nach außen, die Rückkehr ins Leben in Freiheit für Jacinta fast schon ideal zu verlaufen scheint, wird sie nach nur wenigen Tagen in Freiheit rückfällig. Urplötzlich steigt sie eines Abends ins Auto und erklärt in die Kamera, dass sie mit ihrem Dealer Kontakt aufgenommen habe. Sie wisse, was sie tue, doch sie könne nicht anders. Aus der vermeintlichen Success-Story wird eine Geschichte von Rückfall und Absturz. Jacinta wirkt zu keiner Zeit unzurechnungsfähig. Immer wieder setzt sie sich kritisch mit ihrer Situation und ihren Entscheidungen auseinander. Sie denkt über ihre Tochter nach und daran, was sie ihr mit ihrem Verhalten antut. Und doch, obwohl ihre Liebe für ihre Tochter aufrichtig ist, tut sie es immer und immer wieder. Die Widersprüchlichkeit erreicht ihren Höhepunkt, als sie sich einem dreitätigen Kalten Entzug aussetzt, um von den Drogen loszukommen, nur um nach den drei Tagen direkt wieder damit anzufangen

Urteilsfreier Blick

Die Tatsache, dass man als Zuschauer trotz ihrem teilweise schwer nachvollziehbaren Verhalten der jungen Frau folgt und ihr Sympathien entgegenbringt, ist der urteilsfreien Inszenierung durch die Regisseurin Jessica Earnshaw zu verdanken. In den Gesprächen und Monologen mit der Kamera merkt man, wie Jacinta selbst versucht, schlau aus ihrem Verhalten zu werden.
Zu den beeindruckendsten Nebenfiguren gehört zweifellos ihr Vater, der, obwohl er die Hoffnung im Verlauf des Films aufzugeben scheint, weiter zu ihr hält. Dasselbe gilt für ihre Tochter, welche die Situation mit ihrer Mutter stets auf eindringliche Weise analysiert und man sich zwangsläufig fragt, ob ein Kind in diesem Alter eigentlich schon so erwachsen sein darf.

Neben dem Kampf gegen die Sucht ist die Beziehung zwischen Mutter und Tochter das zentrale Thema des Films. So auch die Beziehung zwischen Jacinta zu ihrer Mutter. Immer wieder erklärt die junge Frau, wie sie ihre Mutter stets idealisiert hat und auch heute nicht dazu bereit ist, sich davon ganz frei zu machen.
Der Film schafft das Wunder, dass er, bei all den persönlichen Niederlagen und dem Leid, das er dokumentiert, es trotzdem schafft, ganz ungekünstelt ein versöhnliches Ende zu finden, das einen nicht völlig niedergeschlagen zurück lässt.

Ausserhalb der Komfortzone

Nach diesem Film mag sich dem ein oder anderen Zuschauer eine Frage über die Grenzen des Filme Machens an und für sich stellen. Nämlich die Frage, wie lange dürfen Filmemacher in ihrer Arbeit passive Beobachter bleiben. Wenn Jacinta eines Nachts ihre Entscheidung gegenüber der Kamera kundtut, ihren Dealer aufzusuchen, müsste die Person hinter der Kamera dann nicht eigentlich die Kamera weglegen und alles unternehmen, um die junge Frau von diesem folgenschweren Entschluss abzubringen? Soweit es der Film zeigt, bleibt die Regisseurin passive Beobachterin und folgt Jacinta auf ihrem Weg zurück in die Drogen, ohne einzugreifen.

Egal, welche Antwort man auf die Frage findet, es ändert nichts daran, wie stark dieser Film geworden ist und wie sehr er unter die Haut geht und seine Zuschauer dazu zwingt, sich aus der Komfortzone des üblichen Schwarz-Weiß-Denkens herauszubewegen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.