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Zehntausende Rohingya haben durch Brand in Flüchtlingslager alles verloren

Am 2. April kamen bei einem Feuer in Cox’s Bazar in Bangladesch drei Angehörige der Volksgruppe der Rohingya ums Leben, dies nachdem bereits am 22. März bei einem Großbrand gewütet hatte.

Trauriger Höhepunkt einer Brandserie

Am 22. März brach in einem der 34 Flüchtlingslager in Bangladeschs südöstlichem Grenzbezirk Cox’s Bazar ein Großbrand aus und zerstörte tausende Unterkünfte. Dreißig Menschen kamen ums Leben, darunter drei Kinder. Rund 560 Menschen wurden verletzt. Etwa 45’000 Menschen haben im Feuer ihr Obdach verloren.

In Cox’s Bazar leben rund 850’000 Rohingya, die entweder dort geboren oder aus Myanmar nach Bangladesch geflohen sind. Es gilt damit als das grösste Flüchtlingscamp weltweit. Es war bereits der dritte Brand in diesem Jahr. Schon Mitte Januar wurden bei einem Brand unter anderem vier Schulen des Kinderhilfswerks Unicef zerstört, nachdem vier Tage zuvor bereits mehr als 500 Flüchtlingsunterkünfte von einem Feuer zerstört worden sind.

Einen Brand wie den am 22. März habe er noch nie erlebt, sagte Johannes van der Klaauw, Vertreter des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR). Neben den zahlreichen Behausungen sind auch eine Klinik der Internationalen Organisation für Migration (IOM) und eine Klinik von Ärzte ohne Grenzen zerstört worden.

Zum zweiten Mal alles verloren

Dem Guardian erzählte die vierzigjährige Marium Khatun davon, wie sie die Katastrophe erlebt hat. Sie war mit ihrem 10 Monate alten Sohn alleine zuhause, in einer Hütte bestehend aus Bambus und einer Zeltplane, als sie das Feuer und den Rauch bemerkte. Erst als sie raus sah merkte sie, dass in etwa 30 Meter Entfernung ein Brand tobte und die Menschen auf der Strasse panisch umher rannten.

Sie habe daraufhin ihren Sohn genommen und sei ebenfalls geflohen. Ihr Mann und ihre vier älteren Kinder waren zu der Zeit irgendwo draussen.

“Plötzlich war das Feuer überall”, erzählte sie dem Guardian, “In welche Richtung ich auch rannte, das Feuer versperrte uns den Weg. Ich dachte an meinen Mann und meine Kinder, welche irgendwo da draussen waren und ich dachte, dass wir alle heute sterben werden.”

Irgendwie schaffte sie es, sich vor den Flammen in Sicherheit zu bringen. “Ich weinte und schrie. Ich hatte keine Möglichkeit, meinen Mann oder meine Kinder zu kontaktieren. Ich fürchtete, ich hätte sie alle verloren.” Schliesslich wurde sie von einem ihrer Neffen gefunden und zu ihrer Schwester nach Hause gebracht, wo sie dann auch ihren Mann anrufen konnte. Auch er wusste nicht, wo ihre Kinder waren. “Ich hatte solche Angst, ich dachte, ich würde sterben”, erzählte Khatun.

Doch ihre Kinder lebten und kamen nach einigen Stunden ebenfalls zur Hütte ihrer Schwester. Ihr Zuhause allerdings war mit all ihrem Hab und Gut dem Brand zum Opfer gefallen. Dort, wo ihre Hütte stand, befanden sich tags darauf nur noch verbrannte Überreste, in welchen ihre Kinder mit Ästen rumstocherten.

“Wir haben einst alles in Myanmar verloren. Wir kamen nach Bangladesch und fingen von vorn an. Jetzt haben wir erneut alles verloren.”

Zäune blockierten die Fluchtwege

Während Hilfskräfte versuchen, den Menschen vor Ort zu helfen und das UNHCR für die Versorgung der Menschen Geld sammelt, 5.9 Millionen Dollar würden für die Soforthilfe dringend benötigt, wird Kritik an Bangladeschs Regierung und den Behörden laut.

UNHCR

So berichten Flüchtlinge und Helfer, dass durch die Zäune, die um grosse Teile des Lagers befestigt worden waren, sich einige Mensch nicht hätten in Sicherheit bringen können und Helfer behindert worden seien. Der Bau von Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen sei erst vor einigen Monaten intensiviert worden. The New Humanitarian zitiert Jan Egeland vom Norwegian Refugee Council:

“Dieses tragische Ereignis wäre weniger desaströs gewesen, wären die Stacheldrahtzäune nicht errichtet worden.”

Jan Egeland, Norwegian Refugee Council, The New Humanitarian, 26.03.2021.

NGO’s fordern nun von der Regierung, die Zäune abzubauen und sicherzustellen, dass die Tore zum Lager ständig offen bleiben. Zudem müssen die Lager sicherer gebaut werden, etwa in dem mehr Platz zwischen den einzelnen Hütten freigehalten und für den Bau feuerresistentes Material benutzt wird.

Am frühen Morgen des 2. April hat es in Cox’s Bazar erneut gebrannt. Das Feuer hat mehr als 20 Geschäfte auf einem provisorischen Markt in der Nähe des Flüchtlingslagers Kutupalong zerstört, wie die Polizei am Freitag mitteilte. Nach den Löscharbeiten sind drei Leichen in den Trümmern gefunden worden, man geht davon aus, dass es sich um Angehörige der Rohingya handelt. Ausserdem hat es mehrere Verletzte gegeben.

Video zum Brand vom 22. März 2021 vom UNHCR.

Seit Jahrzehnten verfolgt und entrechtet

Die Rohingya sind eine ethnische Gruppe aus dem Bundesstaat Rakhine in Myanmar, der sich an der Grenze zu Bangladesch befindet. Obwohl ihre Geschichte viel weiter zurückreicht, als die aktuellen Staatsgrenzen, die in ihrer heutigen Form erst im 20. Jahrhundert entstanden sind, als sich Myanmar von Britisch-Indien getrennt hat und später vom Vereinten Königreich unabhängig wurde, wird ihnen seit mehr als vier Jahrzehnten die Staatsbürgerschaft in Myanmar verwehrt.

1982 wurde ein Gesetz erlassen, das ihnen die Staatsbürgerschaft in Myanmar, damals Burma, offiziell verweigert. Die offiziellen Stellen in Myanmar lehnen die Bezeichnung Rohingya ab und sprechen stattdessen von Bengalis, womit sie unterstellen, dass es sich bei ihnen um illegale Einwanderer aus Bangladesch handle.

Die Rohingya sind grösstenteils muslimischen Glaubens, während Myanmar von einer buddhistischen Mehrheit dominiert wird.

Im Mai 1978 fliehenmehr als 200’000 Rohingya nach Bangladesch vor den burmesischen Behörden und Militärs. Sie berichten von Gewalt, Verfolgung, Hinrichtungen und sexueller Gewalt. Foto von: UNHCR.

Seit Jahrzehnten werden die Rohingya in Myanmar systematisch diskriminiert und verfolgt. Die Gewalt gegen die muslimische Minderheit eskalierte schon mehrfach, was jeweils dazu führte das Tausende Rohingya aus dem Land flüchten mussten. So etwa 1978, 1991, 2012 und 2016. Bangladesch war stets das wichtigste Fluchtland, nahm aber die Flüchtlinge alles andere als mit offenen Armen auf. 1979 etwa wurden schätzungsweise 180’000 Rohingya nach Myanmar zurückgeschafft und schätzungsweise 10’000 starben in Bangladesch an den Folgen von akuter Unterernährung. Zwischen 1993 und 1995 sind rund 200’000 zurückgeschickt worden, obwohl ihnen im Herkunftsland schwere Repression drohte.

Die letzte grosse Fluchtbewegung fand 2017 statt, nachdem das Militär immer brutaler gegen die Rohingya vorging. Zu den Methoden des Militärs gehörte das Niederbrennen ganzer Dörfer, Folter und sexuelle Gewalt. Die Vereinten Nationen sprechen von einem anhaltenden Völkermord und bezeichnet die Rohingya als die meistverfolgte Gruppe der Welt.

Nichtsdestotrotz will Bangladesch die Flüchtlinge in ihr Herkunftsland zurückführen. Bisherige Versuche konnten allerdings aufgrund des Widerstands der Rohingya nicht umgesetzt werden. Inzwischen hat Bangladeschs Regierung begonnen, Flüchtlinge auf eine abgelegene Insel im Golf von Bengalen umzusiedeln. Bisher traf dieses Schicksal 13’000 Menschen. Nach dem Militärputsch in Myanmar fürchten sich die Rohingya noch mehr vor einer Rückkehr in ihre Heimat und eine Rückführung, wie es sich die Regierung von Bangladesch vorstellt, dürfte 2021 kaum realistisch sein.

In Myanmar geht das Militär nach Putsch mit aller Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vor

Am 1. Februar kam es in Myanmar zum Militärputsch gegen die gewählte Regierung. Seither sind viele tausend Menschen auf die Straße gegangen, um gegen diese Machtübernahme zu protestieren. Die Sicherheitskräfte gehen mit großer Brutalität gegen die Demonstrierenden vor. Jüngsten Schätzungen der Gefangenenhilfsorganisation AAPP zufolge sind mindestens 564 Menschen getötet und fast 2700 Menschen im Zuge des Putsches inhaftiert worden.

Der Uno-Sicherheitsrat hat das Militär zur Zurückhaltung aufgerufen. Die Sondergesandte, Christine Schraner Burgener warnte vor einem bevorstehenden Bürgerkrieg.

«Wenn wir nur darauf warten, dass sie bereit sind zu reden, wird sich die Situation nur verschlechtern. Ein Blutbad steht unmittelbar bevor.»

Christine Schraner Burgener, UN-Sondergesandte für Myanmar (Quelle: Nau.ch)

Während die USA nach eigenen Angaben an Sanktionen arbeiten, warnt Russland vor solchen Einmischungen. “Eine solche Linie trägt nur dazu bei, die Parteien gegeneinander aufzuhetzen”, teilte das russische Außenministerium der Nachrichtenagentur Interfax mit. Russland kündigte stattdessen an, seine Beziehung zum Land ausbauen und auch in militärischer Hinsicht fortsetzen zu wollen. Erst vor einer Woche hatten hohe russische Beamte an einer Militärparade in Myanmar teilgenommen, während am selben Tag mehr als einhundert Demonstranten getötet worden sind.

Bei den Wahlen im November 2020 erreichte die vom Militär unterstützte Union Solidarity and Development Party (USDP) nur 33 Sitze, während die “Nationale Liga für Demokratie” (NLD) die große Mehrheit mit 396 von 476 Parlamentssitzen für sich gewann. Das Militär zweifelte dieses Wahlergebnis öffentlich an und äußerte Vorwürfe des Wahlbetrugs, ohne Beweise vorlegen zu können. Bei einem konzertierten Staatsstreich am 1. Februar 2021 setzte das Militär schließlich überall im Land Vertreter der Regierungspartei fest, darunter auch die Friedensnobelpreisträgerin und Regierungschefin Aung San Suu Kyi sowie Staatspräsident Win Myint.

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