MinusGrenzen

Wie Corona die Weltarmut zementiert

Mit ihrer Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung hatten sich die Vereinten Nationen das Ziel gesetzt, den Anteil der von extremer Armut betroffenen Menschen bis 2030 auf 3 Prozent zu verringern. Dieses Ziel ist durch die Corona-Pandemie und ihre Folgen nun in weite Ferne gerückt.

Die Corona-Pandemie und ihre Folgen beschäftigen derzeit die ganze Welt. Viele europäische Staaten haben aufgrund steigender Infektionszahlen erneut Lockdowns über das öffentliche Leben verhängt, immer darum bemüht den potenziellen wirtschaftlichen Schaden möglichst gering zu halten.

Extreme Armut wächst

Die Weltbank schätzt in ihrem aktuellsten Bericht, dass 2020 die extreme Armut aufgrund der Pandemie erstmals seit 1998 wieder ansteigen wird. Von diesem Anstieg am stärksten betroffen ist Südasien, wo im laufenden Jahr gemäß Schätzungen zwischen 49 und 56.5 Millionen mehr Menschen als vor der Pandemie unter die Armutsschwelle von 1.90 US-Dollar pro Tag fallen werden. In den afrikanischen Staaten südlich der Sahara rechnet die Weltbank mit 26 bis 40 Millionen Betroffenen. Weiter rechnet die Weltbank für die ostasiatischen Entwicklungsländer mit 17.6 bis 20.7, in Lateinamerika mit 4.8, im Nahen Osten und Nordafrika mit 3.4 Millionen Menschen, die von extremer Armut betroffen sein werden. Weltweit seien dies in diesem Jahr zwischen 88 und 115 Millionen Menschen, gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von 60 bis 80 Millionen Menschen.

Laut dem UN-Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten, Mark Lowcock, könnten täglich bis zu 6000 Kinder durch direkte und indirekte Auswirkungen von Covid-19 sterben. Eine weitere Folge der Pandemie ist eine Umverteilung von Ressourcen im Gesundheitsbereich, welche die armen Länder am stärksten trifft, indem das Wetteifern um einen Corona-Impfstoff und Medikamente auf Kosten der Bekämpfung von Krankheiten wie Aids, Tuberkulose oder Malaria geht.
Auch Schulschließungen führen in Entwicklungs- und Schwellenländern zu viel schwerwiegenderen Folgen als in Industriestaaten. Die Gefahr ist groß, dass Kinder und Jugendliche ganz aus dem Bildungssystem herausfallen, was wiederum lebenslange Einkommens- und Chancenungleichheiten zementiert.

Verlorene Jobs

Gemäss neuer Zahlen der Weltbank gingen in den ersten drei Quartalen 2020 pro Quartal durchschnittlich 332 Millionen Vollzeitjobs verloren. Gemäß der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) wurden knapp die Hälfte dieser Stellen, rund 143 Millionen, in Ländern mit niedrigerem mittleren Einkommen vernichtet. 128 der Stellen gingen in Ländern mit höheren mittleren Einkommen und 43 Millionen Jobs in reichen Ländern verloren. Bereits an diesen Zahlen zeigt sich, die Corona-Pandemie betrifft nicht alle in gleichem Masse. Noch deutlicher fällt die Ungleichheit ins Auge, wenn man bedenkt, dass in den ärmsten Ländern die allermeisten Jobs im informellen Sektor angesiedelt sind, auf den weltweit 60 Prozent der Arbeitsplätze entfallen.

Ungleiche Maßnahmen

Die UN setzte inzwischen einen sogenannten Covid-19-Reaktionsplan auf, um die schlimmsten Folgen für die Entwicklungsländer abzumindern. 10.3 Milliarden US-Dollar werden gebraucht, um etwa zu verhindern, dass Ende des Jahres rund 270 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen sein werden verglichen mit 149 Millionen vor der Pandemie. Bis September flossen von den geforderten 10.3 Milliarden US-Dollar, gerade mal 2.5 Milliarden.
Mark Lowcock schätzt, dass es weniger als 1 Prozent der Summe, welche die reichsten Länder im Rahmen ihrer nationalen Hilfsprogramme ausgeben, bräuchte, um die 10 Prozent der Ärmsten vor den schlimmsten Auswirkungen der Pandemie zu schützen.

Die Ungleichheit zeigt sich deutlich in den Möglichkeiten, welche den Ländern zur Verfügung stehen, um mit staatlichen Hilfspaketen auf die Pandemie zu reagieren. Indiens Bruttoinlandprodukt ist im zweiten Quartal 2020 um rund ein Viertel (23.9 Prozent) eingebrochen. Am 12. Oktober kündigte Indiens Premierminister Narendra Modi ein Konjunkturprogramm von 10 Milliarden US-Dollar an. Die USA mit einem Viertel der Einwohner Indiens hat im Vergleich dazu bereits im März 2020 ein Hilfsprogramm von 2 Billionen US-Dollar auf den Weg gebracht.

Afrikanische Staaten besonders stark betroffen

Die afrikanische Entwicklungsbank AfDB geht für den afrikanischen Kontinent von einem zusätzlichen Wachstumsrückgang von 145 bis 190 Milliarden US-Dollar für das Jahr 2020 und von 28 bis 47 Milliarden US-Dollar für 2021 aus. Insbesondere die starke Verringerung von Geldflüssen und Investitionen in die Entwicklungsländer setzt den Staaten zu. In den letzten Jahren hat sich insbesondere die Rücküberweisung von Geldern durch Arbeitsmigranten in ihre Heimatstaaten zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor entwickelt. Bei einigen Ländern machen gemäß der Weltbank diese Rücküberweisung 10 Prozent oder mehr des BIP aus und werden durch die Pandemie voraussichtlich um rund 20 Prozent, mehr als 110 Milliarden US-Dollar, schrumpfen. Zudem rechnet die Welthandels- und Entwicklungskonferenz (Unctad) mit einem drastischen Einbruch ausländischer Direktinvestitionen. In Afrika geht die Unctad von einem Einbruch von 25 bis 40 Prozent, bei den asiatischen Entwicklungsländern von 30 bis 45 Prozent und in Lateinamerika von bis zu 50 Prozent aus.

Und dann ist da noch das Verschuldungsproblem. Die Tilgungs- und Zinszahlung, welche die Entwicklungsländer zu leisten haben, erreichten den höchsten Stand seit der Jahrtausendwende. 2020 werden sie im Durchschnitt voraussichtlich 14.3 Prozent der Staatseinnahmen der betroffenen Länder ausmachen. In Gabun etwa zehrt der Schuldendienst gar 59.5 der Staatseinnahmen auf, in Ghana 50.2, in Angola 46 und in Pakistan 35 Prozent.

Hält man sich diese Zahlen vor Augen, erscheint der Diskurs, der in den westlichen Ländern bezüglich der hiesigen Coronamaßnahmen geführt wird, geradezu als absurd. Anstatt eine gemeinsame Perspektive einzunehmen und den Umgang mit der Pandemie als ein gemeinsames globales Problem anzugehen und entsprechend gemeinsame Lösungen zu suchen, reagieren die Staaten wieder einmal mit nationalistischen Alleingängen auf Kosten der Schwächsten und Ärmsten.

Das könnte Sie auch interessieren:

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.