MinusGrenzen

Weihnachten in europäischen Flüchtlingscamps

Es dürfe kein zweites Moria geben, hieß es noch im September 2020. Doch die Zustände in den Flüchtlingslagern auf europäischem Boden haben sich seitdem weiter verschlimmert.

Mehr als 17’000 Kinder, Frauen und Männer leben in Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln, die Mehrheit ohne festes Dach über dem Kopf, meist in Zelten. Im neuen, provisorischen Lager auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Kara Tepe auf Lesbos befinden sich derzeit rund 7500 Menschen, darunter viele Kinder, Schwangere und Kranke.

Schockierende Zustände

Ein neues Gesetz der griechischen Regierung verbietet es Helfern in Flüchtlingslagern, mit Medien über Missstände zu sprechen, wie die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisiert. Die norwegische Kinderpsychologin Katrin Glatz-Brubakk von „Ärzte ohne Grenzen“ hat nichtsdestotrotz gegenüber verschiedenen Medien von der Situation in Kara Tepe berichtet, wo sie als Kinderpsychologin tätig ist.

Ihren Schilderungen zufolge gibt es im Lager keine Sanitäranlagen und kein warmes Wasser. So hätten viele der Menschen seit Monaten nicht mehr duschen oder ihre Kleider waschen können. Kein Wunder also, dass es in den meisten Zelten Hautkrankheiten wie die Krätze gibt. Eine Familie hat ungefähr vier Quadratmeter Platz.
Während man im alten Lager noch habe kleine Holzhütten bauen können, sei das in Kara Tepe nicht mehr möglich.

Die Menschen sind in ihren Zelten dem Winter beinahe schutzlos ausgeliefert. Aufgrund fehlenden Stroms ist es nicht möglich, zu heizen, und so hätten die Menschen kaum Möglichkeiten, sich vor Kälte zu schützen.
Weiter verschlimmert wird die Lage der Menschen dadurch, dass die Zelte zu nahe am Wasser und auf verseuchten, verschlammtem Boden stehen.

Leidende Kinder

Besonders besorgniserregend nennt Glatz Brubakk die Situation der vielen Kinder im Lager. Im Interview mit dem Deutschlandfunk erzählte sie:

„Wir sehen Kinder, zwei-, dreijährige, die so unruhig werden und so viel Angst haben, dass sie anfangen, den Kopf gegen die Wand zu knallen, bis sie bluten. Sie reißen sich die Haare raus. Sie haben angefangen, jetzt nachtzuwandeln, weil sie träumen, dass das Feuer wieder da ist und dass sie flüchten müssen. Und wir sehen auch leider Kinder, die ganz den Lebensmut aufgeben und einfach nicht mehr leben wollen.“

deutschlandfunk.de

Auch die Sicherheitslage im neuen Lager ist desaströs. So wurde erst kürzlich von einem dreijährigen Kind berichtet, das nachts vergewaltigt und später in einem Container aufgefunden wurde. Aus anderen Lagern hört man Berichte davon, wie Babys und Kleinkinder von Ratten gebissen werden.

Lockdown der Menschlichkeit

Der Autor Heribert Prantel kritisiert in der Süddeutschen Zeitung:

„Es könnte Hilfe geben, aber es soll sie nicht geben, weil Europa das nicht will. Die Lager sollen Orte der Abschreckung bleiben. Die EU nennt sich Raum des Rechts, der Sicherheit und der Freiheit. Freiheit? In den Flüchtlingslagern sind Unrecht und Unsicherheit so groß, dass man von einer schandbaren europäischen Frechheit reden muss. Es gibt in der Flüchtlingspolitik einen Lockdown der Menschlichkeit.“

Süddeutsche Zeitung

Nicht besser sieht die Situation für die Menschen auf den Kanaren aus, wo nach Information der Interntionalen Organisation für Migranten (IOM) zwischen Januar und Mitte November über 16’000 Menschen angekommen sind. Die Auffanglager sind auch hier heillos überlastet. Menschen werden teilweise in Gruppen von 30 bis 40 Personen in einem einzigen großen Zelt untergebracht, wo sie auf dem Bodenschlafen müssen und die hygienischen Bedingungen katastrophal sind.

Reportage von der Lage auf Lesbos von “Der Standard”.

Zu Weihnachten wenden sich Flüchtende an Europa

Selbstorganisierte Flüchtlingsgruppen aus dem neuen Moria wandten sich zu Weihnachten in einem offenen Brief an Europa. Der Brief in deutscher Übersetzung:

Liebe Europäerinnen und Europäer,
sehr geehrte Frau von der Leyen,

wir wünschen Ihnen ein frohes Weihnachtsfest aus dem neuen Flüchtlingslager auf Lesbos. Wir hoffen, dass Sie trotz der Schwierigkeiten, die wir alle aufgrund der Corona-Pandemie haben, schöne Feiertage haben werden.

Wir sind vor drei Monaten, nachdem das alte Camp in Moria niedergebrannt ist, in ein neues Lager umgezogen und leben hier mit 7000 Flüchtlingen. Im September wurden uns bessere Bedingungen im neuen Lager versprochen und wir haben diese Versprechen gerne gehört und darauf gewartet, dass sie erfüllt werden.

Leider ist seitdem nicht wirklich etwas passiert. Noch immer warten wir auf genügend warme Duschen. Wenn es regnet, wird das Lager überflutet und Zelte werden nass. Wir haben keine Heizungen, die uns und unsere Kinder warm halten, keine Schulen oder Kindergärten. Wenn wir krank werden, warten wir stundenlang auf medizinische Behandlung und das Essen, das wir bekommen, ist zwar ausreichend, aber nicht gesund.

Auch wurde uns versprochen, dass unsere Asylverfahren endlich beschleunigt würden, aber immer noch warten zu viele von uns, einige seit mehr als einem Jahr auf ihre Interviews. Stattdessen sitzen wir hier in der Vorhölle und haben nichts anderes zu tun als zu warten.

Die Situation ist teilweise noch schlimmer als vor dem großen Brand. Nur die Sicherheit ist besser geworden, aber trotzdem gibt es nachts kein Licht im Lager. Im alten Moria konnten wir uns selbst organisieren, wir hatten kleine Schulen, Läden und viele andere Aktivitäten betrieben. Im neuen Lager ist das nicht möglich.

Wir stimmen mit dem deutschen Entwicklungsminister Herrn Müller überein, der letzte Woche sagte, dass die Situation in diesem Lager schlimmer ist als in jedem afrikanischen Krisenland. Wir wollen ihm für seine klaren Worte danken, aber wir fragen uns: Wie kommt es, dass wir nach drei Monaten und so vielen Millionen von Regierungsspenden und von NGOs gesammelten Geldern immer noch an einem Ort ohne fließendes Wasser, heiße Duschen und ohne ein funktionierendes Abwassersystem sitzen? Warum können unsere Kinder immer noch nicht in einen Unterricht gehen und warum sind wir auf den guten Willen einiger Organisationen angewiesen, die gebrauchte Kleidung und Schuhe an uns verteilen?

Haben wir keine Rechte als Menschen und Flüchtlinge in Europa, die eine Grundversorgung für jeden beinhalten? Oft lesen und hören wir, dass wir in diesen Lagern wie Tiere leben müssen, aber wir denken, dass das nicht stimmt.

Wir haben die Gesetze zum Schutz der Tiere in Europa studiert und wir haben herausgefunden, dass sogar sie mehr Rechte haben als wir. Jedes Tier sollte diese Rechte haben:

„Freiheit von Hunger oder Durst
Freiheit von Unbehagen durch Bereitstellung einer angemessenen Umgebung, einschließlich eines Unterschlupfs und eines bequemen Ruhebereichs
Freiheit von Schmerzen, Verletzungen oder Krankheiten durch Vorbeugung oder schnelle Diagnose und Behandlung
Freiheit, (die meisten) Regungen und ein normales Verhalten zeigen und leben zu können durch die Bereitstellung von ausreichend Platz, geeigneten Einrichtungen und sozialer Gesellschaft
Freiheit von Angst und Bedrängnis durch Gewährleistung von Bedingungen und einer Behandlung, die psychisches Leiden vermeiden.“
Genießen wir hier im neuen Camp diese Rechte? Sorry: Nein. Vielleicht haben wir keinen Hunger, aber wir leben in keiner „angemessenen Umgebung“, wir haben keine Freiheit von Schmerz und Not. Keiner von uns ist in der Lage, normales Verhalten zu zeigen, weil wir den ganzen Tag darum kämpfen müssen, etwas Wasser zum Reinigen und Essen zu organisieren und um ein warmes Plätzchen zu bekommen. Wir alle leben in Angst und Not. Eine neue Studie besagt, dass Flüchtlinge auf griechischen Inseln so deprimiert sind, dass jeder Dritte an Selbstmord denkt.

Deshalb fragen wir Sie ganz ehrlich: Würden wir auch so behandelt werden, wenn wir Tiere wären? Also haben wir beschlossen, Sie zu bitten, uns die einfachen Rechte zu gewähren, die Tiere haben. Wir würden uns freuen, wenn wir diese erhalten und versprechen Ihnen, dass Sie keine Klagen mehr von uns hören werden. Wir wollen nicht mehr hören, dass unsere Situation nicht so schlimm ist. Wir laden alle, die so denken, ein, nur für eine Nacht in unserem Camp zu bleiben.

Nach einem schrecklichen Jahr, in dem wir hier leben mussten, ist dies unser Wunsch für Weihnachten. Er ist einfach und wir denken, dass es nicht länger als drei oder vier Wochen dauert, ihn zu erfüllen.

Wir bitten nicht um weitere Spenden oder Geld für die Instandsetzung der Infrastruktur. Wir haben in den Zeitungen gelesen, wie viele Millionen bereits ausgegeben wurden und viele von uns sind Ingenieure, Elektriker, Ärzte und wir wissen, dass es nicht sehr viel Geld braucht, um ein solches Lager in Stand zu setzen.

Wenn Sie uns helfen wollen, fragen Sie stattdessen bitte: Wo ist das ganze Geld geblieben? Warum hat es uns nicht erreicht?

Wir sind bereit, uns selbst zu helfen und hart zu arbeiten, wenn man uns nur lässt und vertraut, dass wir diesen Ort besser machen können. Wir haben es in der Vergangenheit bewiesen und auch jetzt wird die meiste Arbeit hier entweder von Flüchtlingen, die ehrenamtlich für NGOs arbeiten, oder von Selbsthilfeorganisationen der Flüchtlinge geleistet. Wir wollten immer zeigen, dass das Bild, das viele Menschen von uns haben, falsch ist: Wir sind nach Europa gekommen, um Asyl zu beantragen und um Bürger:innen und nützliche Mitglieder Ihrer Gesellschaften zu werden.

Wir betrachten dieses Lager als unser Lager und wir wollen die Unterstützung haben, es zu reparieren. Was wir brauchen, ist professionelle Hilfe von Expert:innen, aber was wir sehen, sind viele Freiwillige voller guten Willens, aber ohne die Fähigkeiten, die Kanalisation, die Unterkünfte und die Wasserversorgung zu reparieren. Was wir fordern ist, als Partner:innen ernst genommen zu werden und uns darüber aufzuklären, was geplant ist und wie viel Geld vorhanden ist und ausgegeben wird.

Wir sehen viele Spendenaufrufe und Versprechungen und wir sehen unsere Realität und das macht uns frustriert und wütend.

Lassen Sie uns ganz klar sagen: Wir alle können die Vorstellung nicht ertragen, dass ein neues Jahr für uns und die Flüchtlinge in den anderen Lagern wie auf Samos und Chios so beginnt.

Wir bitten Sie, das nicht geschehen zu lassen. Wir bitten Sie um einige sehr einfache und leichte Schritte:

eine ausreichende Wasserversorgung und Duschen zu ermöglichen,
ordentliche sanitären Anlagen zu installieren,
eine ordentliche Drainage zu legen, damit unser Camp bei Regen nicht überflutet wird,
die Versorgung mit Elektrizität, Heizung und Zelten für den Winter sicherzustellen,
Plätze für Kinder zu schaffen,
genügend Zelte für Schulen, Klassen und Werkstätten bereitzustellen,
Licht auf den Hauptstraßen des Camps zu installieren,
die medizinische und psychologische Versorgung zu verbessern,
Orte für Treffen und Freizeit zu haben.
Wir bitten Sie, uns zu helfen, dies zu ermöglichen. Im Frühjahr war noch von Evakuierung die Rede, aber zu Weihnachten bitten wir Sie nur darum, dieses provisorische Lager zu reparieren und uns nicht den Rest des Winters an diesem Ort weiter leiden zu lassen.

All unsere besten Wünsche

Omid Deen Mohammed für das Moria Corona Awareness Team (MCAT)
Raed al Obeed für die Moria White Helmets (MWH)

Dieser offene Brief wird von vielen Flüchtlingen unterstützt, ihre Namen sind uns bekannt.

www.medico.de/moria-brief

Weiterführende Links:

https://www.tagesspiegel.de/politik/tiere-haben-mehr-rechte-als-wir-auf-lesbos-droht-tausenden-fluechtlingen-ein-brutaler-winter/26747522.html

https://www.spiegel.de/politik/ausland/gefluechtete-auf-lesbos-die-kinder-wollen-nicht-mehr-leben-a-b5298e65-de0b-467e-a8fc-40cc94831b45

https://www.deutschlandfunk.de/psychologin-ueber-fluechtlinge-auf-lesbos-wir-kaempfen.694.de.html?dram:article_id=489810

https://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-fluechtlinge-griechenland-lesbos-eu-1.5158183

https://www.deutschlandfunk.de/flucht-ueber-den-atlantik-wie-ist-die-situation-der.2897.de.html?dram:article_id=488300

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.