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Das N*-Dorf in Altstetten 1925.

Völkerschauen: Rassismus ist Teil unserer Kultur

Die Völkerschau «die Krieger des Mahdi, wie die neue hier gastierende Negertruppe sich nennt», berichtet der Tages-Anzeiger im Mai 1898 in enttäuschtem Tonfall sei nicht nur von weniger kräftigem Wuchs als die kürzlich im Kasino Hottingen aufgetretenen Dahomeyaner, sie würden zudem auch gar nicht so wild aussehen und tönen.

Völkerschau Krieger des Madhi in Basel
Völkerschau Krieger des Mahdi in Basel. Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt.

Bei den «Krieger des Mahdi» handelte es sich um die neue Völkerschau im Plattengarten am Zürichberg. Eine jeweils halbstündige Vorstellung, in der vierzig Personen gemäß Programm Schwertkampf, Muscheltanz, Baja-Ritual und eine pantomimische Raubtierjagd dem Schweizer Publikum vorführten.

Blütezeit der Völkerschauen

Es war die Blütezeit der Völkerschauen, der kommerziellen Zurschaustellung fremder Menschen mit oder ohne deren Einwilligungen, manchmal auch human zoo’s genannt. Was bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur den Reichen und Adeligen vorbehalten war, hatte sich zu einem Massenphänomen für alle Bevölkerungsschichten entwickelt.

Der Bericht des Tages-Anzeigers lässt einen erahnen, mit was für Ansprüchen das Publikum inzwischen solche Völkerschauen besuchte. Möglichst wild und exotisch musste das Gezeigte sein.

1898 etwa wurden solche Schauen längst nicht mehr nur in den großen Städten gezeigt. Neben Zürich, St. Gallen, Basel und Bern, gastierten sie auch in Rüti, Aarau, Lugano, Luzern, Baden, Lindau oder in der Schweizerhalle in Schaffhausen.

Völkerschau im Zoo Basel: N*-Dorf aus Dem Senegal
Plakat Zoo Basel, Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt
Völkerschau im Zoologischen Garten Basel.
Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt

Besucher der Völkerschauen: Zwischen Abscheu und Sehnsucht

Die «Togo-Truppe», welche im September 1898 drei Tage lang in der Schweizerhalle in Schaffhausen gastierte, durfte von den Einheimischen gegen Eintrittsgeld bestaunt werden. Gemäss einer Anzeige im «Schaffhauser Intelligenzblatt» erwartete sie dort ein breites Programm an Exotischem:

«Die Togomädchen, Fetischpriesterinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen aus dem königlichen Palast von Togo. Grosses afrikanisches Lager, Kriegs- und Volkstänze.»

Schaffhauser Intelligenzblatt

Insbesondere der Tomahawk-Tanz mit gezückten Skalpiermessern, der als grausam wild und entsetzlich laut beschrieben wurde, hinterliess bei den Besuchern Eindruck. Von zehn Uhr morgens bis zehn Uhr abends standen die neun Männer, acht Frauen, sechzehn Mädchen und zwei Jungen im Einsatz, verkauften Souvenirs, liessen sich bei vorderhand alltäglichen Verrichtungen beobachten und führten ihre wilden Tänze auf.

Völkerschau Afrikanisches Dorf
Ab Sommer 1874 stellte Carl Hagenbeck in seiner Tierausstellung in Hamburg-St. Pauli auch Menschen aus.

Die Besucher und Besucherinnen der «Togo-Truppe» in der Schweizerhalle zahlten Eintrittsgeld, um sich von ausgestellten fremdartig anmutenden Menschen ekeln und faszinieren zu lassen. Für die einen symbolisierten die Fremden eine Lebensform geprägt von naiver Unschuld und Naturverbundenheit, nach der sie sich selbst sehnten.

Die anderen sahen sich bei der Betrachtung der Fremden in ihrem Bewusstsein der eigenen «Höherwertigkeit» gegenüber den «rückständigen Wilden» bestätigt. Die Völkerschauen boten scheinbar jedem etwas.

Hagenbecks «Die Wilden von den Feuerlandinseln»

Die Schauen hatten ganz unterschiedliche Ausprägungen. Sie reichten von der Zurschaustellung von Verschleppten, die bei angeblich authentischen Alltagsverrichtungen beobachtet wurden, bis hin zu Vorführungen von Schauspieler*innen und Fachleuten.

Einer der größten Organisatoren von Völkerschauen in Europa war der deutsche, ehemalige Tierhändler Carl Hagenbeck. 1875 war er zum ersten Mal auf die Idee gekommen, mit einer Lieferung von Rentieren aus Skandinavien auch noch gleich eine Gruppe von Lappländern mit nach Europa zu bringen und dort vorzuführen. Das Projekt wurde zu einem riesigen Erfolg.

Im Winter 1882 brachte er «Die Wilden von den Feuerlandinseln» von Paris, über Berlin und Nürnberg in die Schweiz. Es handelte sich um eine Gruppe von Chilenen, die ihm 1881 von einem deutschen Seekapitän verkauft worden waren. In Paris waren sie bereits von 500’000 Menschen bestaunt worden.

In Paris wurden die Fremden von Wissenschaftlern untersucht. Das jüngste Kind der Gruppe starb bald darauf. An Sonntagen wurden in Paris zehntausende Besucher*innen gezählt, bald waren es über 500’000 Besucher*innen insgesamt.

Tour durch ganz Europa

Von Paris aus ging es weiter nach Berlin ins Straussenhaus des Zoologischen Gartens. Von dort nach Leipzig, Stuttgart, München, Nürnberg und dann Zürich. In Stuttgart interessierten sich die Zeitungen besonders für Lieses Gefühlsleben. Den Berichten zufolge habe sich die grössere und fülligere der chilenischen Frauen in Jakob, einen Wärter, verliebt. Diese Gerüchte amüsierten die Öffentlichkeit wochenlang ganz besonders.

Der deutsche Anatom, Embryiologe und Physiologe, Professor Theodor von Bischoff war einer jener Wissenschaftler, die Gelegenheit bekamen, die «Feuerländer» zu untersuchen. In einem Vortrag am 04.02. 1882 erzählte er seinem Publikum, ihm sei es gelungen, die Klitoris einer Feuerländerin genauer zu untersuchen.

«Nicht affenartig gross» sei sie gewesen. Und «wie sich die kleinen Schamlippe nach unten und hinten verhielten, und ob sie hier ein Frenulum mit einer Fossa navicularis bildeten, davon konnte ich mich bei dem Sträuben der Person nicht unterrichten. Ich will nur noch hinzufügen, dass es selbst bei den kleinen vier- und dreijährigen Mädchen der Truppe unmöglich war, sich von dem Verhalten ihrer Geschlechtsteile zu überzeugen, indem ihr eigenes Sträuben noch von demjenigen ihrer Mütter unterstützt wurde, daher ich denn über das Vorhandensein eines Hymen keine Auskunft erhalten konnte.»

Plakat einer Völkerschau
Plakat einer Völkerschau

Liese, die grössere und fülligere habe sich in Jakob, ihren Stuttgarter Wärter verliebt, zum Gaudi der deutschen Zeitungen, die sich wochenlang über Lieses Gefühlsleben amüsierten. Eine der Frauen starb auf dem Weg nach Zürich. Alle waren erkältet, teils fiebrig.

Zum reduzierten Preis in Zürich

Erster Halt in der Schweiz war für die chilenische Gruppe das Plattentheater am Zürichberg. Von morgens um zehn bis acht Uhr abends sollte die Ausstellung geöffnet sein. Der Eintritt kostete von 40 Rappen bis 1.50 Franken je nach Platz. 1.50 stellte damals einen beachtlichen Eintrittspreis dar – das Anderthalbfache eines Extrakonzerts in der Tonhalle Zürich.

Eine Frau aus der Gruppe starb bereits auf der Reise nach Zürich, weitere erkrankten während des Aufenthaltes, schließlich starben drei weitere Mitglieder der Truppe.

Die Show ging vorderhand zum reduzierten Preis weiter. Drei Tage nach dem ersten Todesfall schrieb die Zeitung «Die Limmat» am 21.2.1882:

«Selbstverständlich finden die Ausstellungen doch statt, da ein solcher Fall keinen Anlass zu besonders grossen Trauer, wohl eher den Damen und Herren aus Patagonien einen verstärkten Appetit gibt.»

Die Limmat, 21.02.1882

Die Leichen und deren Organe landeten auf den Seziertischen verschiedener Professoren. Schädel und Skelette wurden im anthropologischen Institut Zürich gelagert, bis sie 130 Jahre später, 2010 in sechs Kartonkisten verpackt, an die Magellanstrasse überführt und beerdigt wurden.

Völkerschauen im Zirkus Knie

Diese tragischen Umstände waren weder für die neugierigen Besucher noch für die Presse ein Grund zur Empörung. 1928 entdeckte der Circus Knie die Völkerschau für sich. Fortan führte der Schweizer Nationalzirkus in Seitenzelten aussereuropäische Menschen, Kleinwüchsige und andere «Freaks» mit.

Besonders beliebt waren die «Indianerschauen», wobei den Darstellern erst einmal das Indianersein à la Karl May, so wie es die Europäer eben sehen wollten, beigebracht werden musste. Die letzte solche Völkerschau präsentierte der Zirkus auf seiner Schweizer Tournee 1964 unter dem Titel «Marokkanische HandwerkerE in 70 Schweizer Ortschaften.

Plakat Knie
Plakat Grosse Völkerschau im Zirkus Knie.

Das Ende der Völkerschauen

Der Grund für das Ende der Völkerschauen war nicht etwa eine grundsätzliche, allgemeine Kritik an dieser Art von der kommerziellen Zurschaustellung von vermeintlich exotischen Menschen. Stattdessen verloren die Schweizer und Schweizerinnen schlicht das Interesse. Inzwischen gab es genug andere Möglichkeiten, seine Faszination am Fremden zu stillen. Film und Fernsehen stellten dem Publikum ein breites Angebot bereit, von Dokumentar- bis Abenteuerfilmen. Zudem wurde die Welt nach und nach immer weiter touristisch erschlossen und damit einher gingen immer mehr Möglichkeiten, selbst an die exotischsten Orte der Welt zu reisen.

So erinnert sich ein Autor in den «Schaffhauser Nachrichten» 1967 unter dem Kürzel K.B.:

«Noch in meinen Knabenjahren wurden in der Völkerschau des Circus Knie Neger ausgestellt. Heute begegnen wir Schwarzen in den Strassen jeder europäischen Stadt und sehen uns kaum mehr um.»

Schaffhauser Nachrichten 1967
Beitrag der SRF Sendung Reporter Basler Völkerschauen, im Rahmen der Masterarbeit Marijanovic/Späni.

Völkerschauen sind mehr als bloss skurrile Anekdoten

Die Völkerschauen wirken heute insbesondere aufgrund ihrer entwürdigenden Art der Zurschaustellung vermeintlich exotischer Menschen auf uns abstossend, ebenso wie die ignorante und gedankenlose Haltung der Menschen, welche diese Völkerschauen besuchten.

Wenn wir auf die Debatte über Rassismus in unseren Ländern und seine Rolle in unserer Kultur schauen, entdecken wir die gleiche Art der Ignoranz wieder. Bei jenen Vertretern und Vertreterinnen der weissen Mehrheitsgesellschaft nämlich, die sich laut und reflexartig über jedwede Kritik an rassistisch konnotierten Begriffen und Symbolen mokieren. Rassismus ist in vielfältiger Weise fester Teil unserer Kultur, die Völkerschauen stellen nur gerade eine Ausprägung davon dar.

Arte-Dokumentarfilm >Die Wilden< in den Menschenzoos.

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