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Unbegleitete, geflüchtete Kinder verschwinden in Europa

Unbegleitete Flüchtlingskinder verschwinden in Europa

Der Rechercheverbund Lost in Europe fand heraus, dass 18’292 unbegleitete Flüchtlingskinder zwischen 2018 und 2020 verschwunden sind. Das sind umgerechnet fast 17 Kinder oder Jugendliche jeden Tag. Alleine im letzten Jahr waren es 5’768 Kinder und Jugendliche in 13 europäischen Ländern.

Bei ihrer Arbeit haben die Journalist*Innen zudem eklatante Lücken in der Datenerfassung der europäischen Behörden festgestellt. Denn wie sich zeigte, erheben Frankreich, Dänemark und Rumänien erst gar keine entsprechenden Daten. Bulgarien wiederum unterscheidet nicht zwischen begleiteten und unbegleiteten minderjährigen Migrant*innen. Die EU-Innenkommissarin, Ylva Johansson erklärte, dass die EU-Kommission den Mitgliedstaaten “signalisiert” habe, mehr gegen das Verschwinden geflüchteter Kinder und Jugendlicher unternehmen zu müssen, etwa durch bessere Datenerhebung.

Die meisten der verschwundenen Kinder und Jugendlichen kamen von Marokko nach Europa. Auch Algerien, Eritrea, Guinea und Afghanistan gehören zu den am meisten in der Statistik vertretenen Ursprungsländern. 90% der erfassten Minderjährigen waren Jungen, einer von sechs ist jünger als 15 Jahre alt.

Unbegleitete Flüchtlingskinder sind besonders gefährdet, ausgebeutet zu werden

The Guardian ist Teil des Verbundes Lost in Europa. Federica Toscana von der NGO Missing Children Europe erklärte gegenüber dem englischen Nachrichtenmagazin: «Kriminelle Organisationen nehmen immer mehr die Kinder ins Visier, insbesondere unbegleitete Kinder. Viele von ihnen werden Opfer von Zwangsarbeit, sexueller Ausbeutung, Menschenhandel oder werden gezwungen, zu betteln.»

Im März 2019 sind laut den Recherchen von Lost in Europe mindestens 60 vietnamesische Kinder aus niederländischen Unterkünften verschwunden. Die Behörden gehen davon aus, dass die Kinder nach Grossbritannien geschmuggelt worden seien, um dort auf Cannabisfarmen und in Nagelstudios zu arbeiten.

So ähnlich erging es jedenfalls dem vietnamesischen Mädchen Trang, das einige Monate nach ihrem Verschwinden von der Bundespolizei zufällig bei einer Wohnungsdurchsuchung in Berlin wiedergefunden wurde. Das Mädchen lebte dort bei einem vietnamesischen Paar, das gemäss tagesschau.de im Drogen- und illegalen Zigarettengeschäft tätig war. Trang musste dort für 300 Euro im Monat in einem Nagelstudio arbeiten, Zigaretten verkaufen und als Drogenkurierin arbeiten.

Kinder, deren Verschwinden nicht erfasst ist, werden auch nicht gesucht

Federica Toscana sagte gegenüber dem Guardian, dass im Falle vermisster Migrantenkinder oft nur wenig unternommen werde und in den jeweiligen Fallakten entsprechend nur spärliche Informationen zu finden seien. «… zu oft, wird angenommen, dass die Kinder irgendwo in einem anderen Land in Sicherheit seien, obwohl grenzübergreifende Zusammenarbeit in solchen Fällen quasi nie vorkommt.»

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Die schlechte Datenlage im Bezug auf die Kinder hält Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes, «aus Kinderschutzgründen für einen Skandal. Es gibt nach unserem Kenntnisstand überhaupt keine belastbaren Zahlen, nicht mal Näherungswerte, wie viele Flüchtlingskinder von Mehrfachregistrierungen oder fehlerhaften Datenerfassungen betroffen sind. Solche Wissenslücken öffnen natürlich kriminellen Netzwerken Tür und Tor.» (Zitat aus tagesschau.de)

Im Oktober 2019 wurden in einem Kühllaster bei London 39 Vietnamesen tot aufgefunden. Sie hatten den Laster in Belgien bestiegen. Unter den Opfern befanden sich zwei Jugendliche, die zwölf Tage zuvor aus einem Heim in den Niederlanden verschwunden. Nur einige Monate zuvor hatte niederländische Polizei die beiden aus einem anderen Laster befreit, den sie in Köln bestiegen haben.

Weiterführende Links

Website des Verbundes Lost in Europe.

Giorgos Christides, Katrin Elger, Barbara Hardinghaus, Julia Amalia Heyer, Martin Knobbe, Steffen Lüdke, Christoph Schult, Britta Stuff, Mirjam Schlossarek, Nina Ulrich: Die verzweifelten Kinder von Moria, Der Spiegel, 19.03.2021.

Adrian Bartocha, Jan Wiese: Verschwunden in Europa, tagesschau.de, 18.04.2021.

Ismail Einashe, Adriana Homolova: Nearly 17 child migrants a day vanished in Europe since 2018, the Guardian, 21.04.2021.

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