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Benedict Cumberbatch in The Power of the Dog

The Power of the Dog – Westerndrama von Jane Campion

In Jane Campions Westerndrama The Power of the Dog führen die Brüder Phil und George Burbank gemeinsam eine Ranch im Montana der 1920er-Jahre. So nahe sich die beiden Brüder einerseits sind (so teilen sie sich etwa ein Bett), so unterschiedlich sind ihre Charaktere ausgeprägt. George (Jesse Plemons) ist der etwas füllige, freundliche und gebildete Mann von Welt, während Phil (ohne seine üblichen Manierismen: Benedict Cumberbatch) den harten Hund gibt. Nach aussen ein rauer, menschenfeindlicher Cowboy, der dem Vergangenen nachtrauert. Doch dieses klischeehafte Bild erhält im Verlaufe des Films immer mehr Risse. So etwa lernen die Zuschauer, dass eigentlich Phil der Gebildete der beiden Brüder ist. Er hat erfolgreich studiert, während George sein Studium abgebrochen hat.

Im Laufe der Handlung verliebt sich George in die verwitwete Rose (Kirsten Dunst), welche in einer Kleinstadt mit ihrem Sohn, Peter (Kodi Smit-McPhee) ein Restaurant betreibt. Kurz darauf heiratet George Rose und holt sie zu sich und Phil auf die Range.
Doch Phil hegt keinerlei Sympathien für George’s Ehefrau. Von Beginn weg tritt er ihr gegenüber feindselig auf und lässt keine Zweifel daran offen, wie wenig er sie und ihre Anwesenheit zu schätzen weiss.
Mit der Zeit beginnt Phil eine eigentümliche Freude daran zu entdecken, Rose physisches Unbehagen zu bereiten. Im weiteren Verlauf treibt er sie mit seinen Psychospielchen immer weiter in die Enge. Zuflucht findet Rose einzig im Alkohol.

Rose’s Sohn Peter, welcher der Ranch bisher ferngeblieben ist, kommt Ende des Schuljahres für einige Wochen zu Besuch. Peter ist ein zwar hochintelligenter, aber schwächlicher junger Mann, den Phil als weibisch verspottet. Doch als Phil merkt, wie sehr Rose an ihrem Sohn hängt, beginnt er, Peter unter seine Fittiche zu nehmen, um ihn so Rose zu entfremden.

Jane Campion’s Abrechnung mit toxischer Männlichkeit

Die neuseeländische Filmemacherin, Jane Campion, ist seit ihrem Film Das Piano, mit dem sie 1993 in Cannes die Goldene Palme gewann, weltweit als Autorenfilmerin bekannt. Zuletzt hatte sie mit Top of the Lake eine viel gelobte TV-Serie inszeniert. Nun kehrt sie mit The Power of the Dog ins Kino zurück. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Savage aus dem Jahr 1967. Unter Jane Campions Regie wird aus The Power of the Dog eine bittere Abrechnung mit der zuletzt viel diskutierten toxischen Männlichkeit.

Während in ihren früheren Werken meist die Auseinandersetzung mit der weiblichen Identität im Fokus stand, widmet sie sich dieses Mal der Frage, was Männlichkeit eigentlich bedeutet. Phil, George und Peter präsentieren dabei auf den ersten Blick drei ganz unterschiedliche Männlichkeitsbilder. Der sanfte und modern-weltmännische, aber auch eitle George, der rückwärtsgewandte, stoisch-grummelige Phil und dann eben der androgyne, vielleicht fast schon queere Peter, der überhaupt nicht in diese Welt hineinpassen will. Wie so viele Männlichkeitsbilder sind auch diese Charakterisierungen Stereotype und Klischees, die im Verlaufe des Filmes immer mehr in Frage gestellt werden.

Wie man es sich von Jane Campion nicht anders gewohnt ist, ist der Film wunderschön fotografiert. Dabei dürfte es die Zuschauer*innen durchaus verwundern, zu lesen, dass ein Teil der herrlichen Panoramaaufnahmen Montanas aus dem Rechner stammen.

Westerndrama mit fantastischen Darsteller*innen

Schauspielerisch steht der Film seinen Bildern in nichts nach. Es ist eine Wohltat Benedict Cumberbatch mal in einer Rolle zu sehen, in der er seine seit Sherlock für ihn üblichen Manierismen aussen vorlässt. Sein unnahbarer und auf den ersten Blick von klassischen Männlichkeitsstereotypen geprägter Phil entpuppt sich im Laufe der Handlung als ungemein facettenreiche und spannende Figur.

Fast schon körperliches Unbehagen bereitet es, Kirsten Dunst zuzusehen, wie sie mit einer schmerzlichen Zerbrechlichkeit Rose’s psychischen Niedergang porträtiert. Ihr stummes Leiden unter Phils Anwesenheit und ihre Passivität rufen in einem als Betrachter*in das Bedürfnis auf, in die Geschehnisse eingreifen zu können. Jesse Plemons ist gut wie immer. Seit seinem Auftritt in Breaking Bad taucht Plemons immer wieder in Schlüsselrollen in richtig guten Filmen auf. Dabei überzeugt er stets mit einer ruhigen, konzentrierten und wandelbaren Darstellung – so auch hier.

In The Power of the Dog erhält Peter erst relativ spät im Film eine grösseren Präsenz. Kodi Smit-McPhee In The Power of the Dog erhält Peter erst relativ spät im Film eine grössere Präsenz. Kodi Smit-McPhee ist dabei nicht weniger unnahbar für die Zuschauer*innen als Phil . Fast schon schleichend nimmt er immer mehr Raum im filmischen Geschehen ein und bringt bei die bis dahin etablierte Figurenkonstellation ins Wanken.

Jane Campions Drama entwickelt eine zermürbende Sogkraft. Es ist kein Wohlfühlfilm, auch kein Drama, das einem bittersüsse Tränen beschert. Dafür fehlen die Sympathie- und Identifikationsfiguren.
Stets bleibt eine unüberbrückbare Distanz zwischen den Zuschauenden und den Filmprotagonistinnen und ihrem Handeln bestehen. Als Betrachterin ist man in die passive Beobachterrolle geworfen und muss mitansehen, wie das Unheil voranschreitet. Doch das alles ist so stark gespielt, bebildert und nicht zuletzt geschrieben und bietet so viele Facetten, dass sich diese fordernde Reise lohnt.

Ein Ende mit Schrecken?

Will man dem Film etwas vorwerfen, dann vielleicht drei Punkte. Die eigentlich recht konventionelle Handlung, das rückblickend nicht durchgehend stimmige Erzähltempo und schliesslich das Ende. Alle drei Punkte hängen dabei stark zusammen. Tatsächlich endet der Film wie der Roman mit einer Art Twist. Einer überraschenden Wendung, die das zuvor Gesehene in einem neuen Licht erscheinen lässt. Die Kritik an dem Ende soll sich nun nicht daran aufhängen, wie unerwartet dieser Twist nun wirklich ist oder eben nicht. Aufmerksame Beobachter dürften ihn aber mit Sicherheit kommen sehen.

Das Problem ist eher, dass der Film relativ punktgenau mit der Auflösung dieses Twists endet und so der Film nachträglich ein bisschen so wirkt, als sei alles zuvor Gesehene nur auf dieses Ende hin konstruiert worden. Und das tut dem Film nicht unbedingt gut. Zudem hätte der Film davon profitiert, wenn man ihm noch 10-15 Minuten mehr Zeit gegeben hätte. Auch im Hinblick darauf, dass sich gerade das erste Viertel des Films sehr viel Zeit nimmt, wirkt hintenraus der finale Akt gehetzt und das Ende zu abrupt.

Nichtsdestrotz, Jane Campion ist vielschichtiges Schauspielkino mit Bildern für die grosse Leinwand gelungen, das wunderbar in die kühle Herbstzeit passt. Darum nicht warten, bis der von Netflix produzierte Film zeitnah auf der Streamingplattform erscheint, sondern im Kino genießen!

Wann und wo läuft Power of The Dog

Wir sahen den Film am Zürich Filmfestival 2021.

Kinostart in Deutschland und Deutschschweiz ist der 18. November 2021.

Auf Netflix wird der Film ab dem 1.12. 2021 abrufbar sein.

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