MinusGrenzen
Im Film von Wolfgang Fischer trifft eine Seglerin mitten auf dem Atlantik auf ein in Seenot geratenes Flüchtlingsschiff.

Styx – moralisches Dilemma auf hoher See

Neun Jahre arbeitete der Drehbuchautor und Regisseur Wolfgang Fischer an diesem aussergewöhnlichen und hochaktuellen Film, der im Februar 2018 im Rahmen der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin als Eröffnungsfilm der Sektion «Panorama Special» Premiere feierte und seither zahlreiche Preise verliehen bekommen hat.

Abenteuerreise

Der Film handelt von der Notärztin Rike (gespielt von Susanne Wolff), die sich in ihrem Urlaub auf einen Segeltörn von Gibraltar zur Insel Ascension im Südatlantik begibt, einer 88 km2 grossen tropischen Insel, jener paradiesischen Insel im Südatlantik, auf der Charles Darwin 1854 einen Garten Eden angelegt hatte und mit dem britischen Biologen und Botaniker Joseph Dalton Hooker schliesslich ein sich selbsterhaltendes und selbstreproduzierenden Ökosystem schuf.

Doch ihre abenteuerliche Reise übers Meer hin zum Naturparadies entwickelt sich ganz anders als geplant. Denn nach einem schweren nächtlichen Unwetter entdeckt sie mitten auf dem Atlantik einen havarierten und hoffnungslos mit Flüchtlingen überfüllten Fischdampfer, von dem aus ihr die Menschen verzweifelt zuwinken und zurufen.

Rike reagiert sofort und informiert umgehend die Küstenwache, welche ihr versichert, dass Hilfe unterwegs sei und sie dazu auffordert, sich von dem in Seenot geratenen Schiff fernzuhalten.

Trailer Styx

Als auch nach mehreren Stunden keine Hilfe auftaucht, nimmt Rike selbst Kurs auf den Frachter. Doch als sie sich nähert, muss sie mitansehen, wie Passagiere über Bord gehen und vor ihren Augen ertrinken. Nur ein etwa 14-jähriger Junge schafft es bis an ihre Yacht heran. Rike kann den vor Erschöpfung bewusstlosen Jungen mit letzter Kraft in ihr Boot hieven. Aus Angst, dass noch mehr Menschen ins Meer springen könnten, entfernt sie sich wieder von dem Fischkutter und versorgt erst einmal den geretteten Jungen. Als dieser zu Bewusstsein kommt, fordert er die Ärztin immer wieder verzweifelt auf, den Menschen auf dem Kutter zu helfen. Er erzählt ihr, dass das Schiff, auf dem sich auch seine Schwester befinde, ein Leck habe und untergehen wird. Rike sieht sich mit einem Dilemma konfrontiert, aus dem sie keinen Ausweg finden kann.

Das Mittelmeer als tödliche Trennlinie

Gedreht wurde der Grossteil des Films auf offenem Meer. Ein Filmteam aus zehn Personen 42 Tage auf einem Elf-Meter-Boot bei sich ständig verändernden Wetterverhältnissen.

Seinen Titel entlieh sich der Film der griechischen Mythologie. Styx ist nämlich der Name eines Flusses, welcher in der griechischen Mythologie die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten darstellt. In einem Interview mit thegap.at sagte dazu der Regisseur Wolfgang Fischer:

«Der Styx trennt die Lebenden von den Toten und wir leben ja in so einer Parallelwelt, in der es eine Trennlinie gibt. Und diese Trennlinie verläuft über die Meere und über die Küsten der europäischen Außengrenzen, wo die Menschen sterben. Daher fand ich den Titel sehr passend.»

Regisseur Wolfang Fischer

Natur: Sehnsuchtsort und Bedrohung

Dank dem Dreh auf dem offenen Meer hebt sich der Film durch seine Authentizität stark von anderen Filmproduktionen wie etwa dem ebenfalls auf einem Segelschiff spielenden “All is Lost” mit Robert Redford ab. Das Schlagen der Wellen, die Verzweiflung der Heldin, ihre Kraftanstrengungen, das alles wird für die Zuschauer spürbar. Im seinem Kern ist Styx die Abenteuergeschichte einer Frau ist, welche sich alleine auf eine Reise begibt, auf der sie mit unerwarteten Hindernissen konfrontiert wird. Für einen Film, der über lange Zeit nur eine Protagonistin hat, die zudem lange stumm bleibt, ist es von zentraler Bedeutung, die richtige Darstellerin zu finden. Die deutsche Susanne Wolff ist da ein Glücksgriff. Unprätentiös verkörpert sie glaubhaft diese starke, entschlossene Frau, die mit ihrem eigentlich klar ausgerichteten moralischen Kompass in eine Situation gerät, wo sie in körperlicher wie moralischer Weise an ihre Grenzen stösst.

Nachdem wir sie zu Beginn des Films kurz in ihrem Arbeitsalltag gesehen haben, beobachten wir sie dabei, wie sie sich auf ihren Segeltörn vorbereitet. Zig Liter Wasser schleppt sie auf ihre Segelyacht und mutet ein wenig wie eine moderne Kriegerin in ihrer Kampfrüstung an, wenn sie in ihrer professionellen Sportseglermontur das Schiff lenkt, die Segel hisst und gegen Wind und Wetter antritt. Dann wieder sehen wir sie in Harmonie mit der Natur, wie sie auf offenem Meer auf dem Deck ihrer Yacht liegt und in ihren Naturbüchern blättert oder dem weiten Horizont entgegenblickt. Diese Frau weiss um die Gefahren, die ihr auf dem Weg lauern und hat sich entsprechend ausgerüstet. Die Natur ist hier sowohl Sehnsuchtsort als auch ständige Bedrohung.

Im Gegensatz dazu die Flüchtlinge, deren Situation auf dem Schiffkutter sich die meisten Zeit nur erahnen lässt. Ein heruntergekommener, wahrscheinlich seeuntüchtiger Dampfer, Menschen in zerschlissenen Kleidern, ohne Nahrung und medizinische Versorgung, während sich Rike für alle Eventualitäten ausgerüstet hat. Für alle Eventualitäten ausser jener, einem Flüchtlingsschiff mit über hundert in Not geratenen Menschen mitten auf dem Atlantik zu begegnen.

Imperativ des Helfens ausgesetzt

Rike selbst will helfen, daran lässt der Film keine Zweifel aufkommen. Für die Ärztin ist die Hilfe für Menschen in Not ein Imperativ, der nicht zur Diskussion steht. Doch welche Handlungsmöglichkeiten stehen ihr als Individuum offen? Was passiert, wenn ihre Versuche zu helfen, unbeabsichtigte Konsequenzen haben, die womöglich weiteres Leid verursachen? Sie mag zwar ein einzelnes Leben mit dem Einsatz all ihrer Ressourcen retten, doch bleiben hundert weitere Menschen, die auf Hilfe angewiesen wären, zurück.

Aus ihrer Arbeit als Notärztin ist sich Rike gewohnt, in einem System zu agieren, in welchem alle Beteiligten derselben Logik folgen, und das Retten von Leben an die erste Stelle setzen. Nun findet sie sich allerdings plötzlich in einem System wieder, das einer anderen Logik gehorcht. Das Retten von Leben steht dabei hinten an. Es ist die Logik der Festung Europa. Eine Logik, in der das Helfen und Retten an der hintersten Stelle steht und erst zum Zug kommt, wenn es nicht mehr anders geht. Und diese Einsicht wird sich Rike im Verlaufe des Films stellen müssen.

Ausführliches Interview mit dem Regisseur, Wolfgang Fischer, das von Lasse Gebauer im Rahmen des Filmfests Emden geführt wurde.

Wolfgang Fischers Spielfilm «Styx» ist auf DVD als auch bei verschiedenen Anbietern digital erhältlich.

https://www.trigon-film.org/de/movies/Styx

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