MinusGrenzen
Bilel Massoud sprang vorbei an den Looney Tunes-Figuren in den Tod.

Quarantäneschiffe für Migrant*Innen

Sogenannte Quarantäneschiffe sind aus der Not der Pandemie heraus entstanden. Seit vergangenem Mai verlegen Behörden die in Italien ankommenden Migrant*Innen auf Quarantäneschiffe vor den Küsten Süditaliens, ungeachtet dessen, ob sie nach ihrer Ankunft positiv oder negativ getestet worden sind. Negativ Getestete müssen mindestens zwei Wochen auf dem Schiff bleiben. Die Journalistin Romina Spina warnt: «Was als Notfallmassnahme begann, könnte zur fixen Einrichtung werden.»

Angeordnet wurde die Massnahme als Notlösung angesichts des kollabierenden Gesundheitssystems vom italienischen Zivilschutz im April 2020. Vor den Küsten Siziliens und vor Lampedusa befinden sich vier bis sechs solche Quarantäneschiffe im Einsatz. Dort betreuen Teams des italienischen Roten Kreuzes und freiwillige Helfer*Innen die Asylbewerber*Innen an Bord.

Auch unbegleitete Minderjährige an Bord

Informationen über die Situation an Bord der Schiffe sind nur spärlich vorhanden. NGO’s kritisieren, dass besonders verletzliche Personen auf den Schiffen nicht adäquat versorgt werden können. Unter den besonders verletzlichen Personen befinden sich auch Minderjährige. Laut dem italienischen Roten Kreuz sind von den fast 4700 Minderjährigen, die 2020 unbegleitet in Italien ankamen, 1200 auf eines der Schiffe gebracht worden.

Zwei von ihnen sind gestorben. Abdallah Said litt an Tuberkulose. Er hatte vor seiner Flucht übers Mittelmeer zwei Jahre in einem libyschen Gefängnis verbracht. Der siebzehnjährige Somalier musste vom Schiff evakuiert werden und starb schliesslich im Krankenhaus an tuberkulöser Meningitis. Zwei Wochen später ereignete sich eine weitere Tragödie. Bou Diakite starb ebenfalls, nachdem man ihn in eine Krankenhaus hatte bringen müssen. Wie Abdallah hatte der fünfzehnjährige Ivore vor seiner Flucht mehrere Monate in einem libyschen Gefängnis verbracht..

Fähre wurde zum Quarantäneschiff für Migrant*Innen, die das europäische Festland erreichen.
Fähe GNV als Quarantäneschiff im Einsatz.

Situation an Bord für viele nur schwer ertragbar

Davon, wie belastend die Situation auf den Quarantäneschiffen sein muss, zeugen Berichte von selbstverletzendem Verhalten unter den Migrant*Innen an Bord. Im Oktober 2020 haben neun Migrant*Innen Rasierklingen und Glasscherben geschluckt, um gegen den Aufenthalt an Bord des Schiffes zu protestieren.

Der junge Tunesier, Bilel Ben Massoud, starb noch während seinem Aufenthalt auf einem solchen Quarantäneschiff. Seinem Fall hat sich Al Jazeera kürzlich in einem längeren Artikel gewidmet. Die Autoren beschreiben, wie an einem Frühlingsmorgen in der tunesischen Hafenstadt Sfax Salah Massoud seinen 22-jährigen Sohn zum letzten Mal lebend sah. Er fragte Bilel, wann er wieder zuhause sein werde. Bilel, der als Fischer arbeitete, gab zur Antwort: «Warte nicht auf mich, ich werde auf dem Meer sein.»

Bilel erreichte als einer von 13’000 Tunesier*Innen im Jahr 2020 mit einem Boot die italienische Küste. Es war der 16. Mai 2020. Von Lampedusa aus transferierten ihn die Behörden auf das Quarantäneschiff Moby Zaza. Noch am selben Tag soll er von Bord gesprungen sein, entlang der 15 Meter langen Looney-Tunes-Markierung.

Quarantäneschiff Moby. Hier sprang im Mai 2020 der 22-jährige Tunesier Bilel in den Tod.
Von diesem Schiff sprang Bilel in den Tod entlang der Looney Tunes Figuren.

Mehr als zehn Monate nach Bilel’s Tod eröffneten die italienischen Behörden eine Untersuchung der Umstände dieser Tragödie. Sie ist noch nicht abgeschlossen. Doch laut Al Jazeera ist zu erwarten, dass die Behörden zum Schluss kommen werden, dass Bilel freiwillig von Bord gesrongen sei, um der Quarantäne und einer möglichen Ausschaffung zu entfliehen. Denn Tunesier*Innen haben kaum eine Chance, Asyl zu erhalten.

Am 16. Juni übergab man Bilel’s sterbliche Überreste seinen Hinterbliebenen in Tunesien. Dort begrub ihn seine Familie unter einem Olivenbaum in der Nähe ihres Hauses. Das Haus ist noch nicht nicht fertig gebaut. Bilel wollte mit dem Geld, das er in Europa verdient hätte, den Bau abschliessen.

Forderung nach Abschaffung der Quarantäneschiffe für Migrant*Innen

Schon im Dezember des letzten Jahres forderten 150 Organisationen und Vereine aus verschiedenen europäischen Ländern die Abschaffung der Quarantäneschiffe.

In einem dazu erarbeiteten Bericht kritisieren sie, dass es Expert*Innen zufolge falsch sei, viele potenziell Infizierte dicht gedrängt an Bord von Schiffen unterzubringen, wo Abstand-halten ebenso unmöglich ist wie die völlige Isolation von positiven Fällen. Es bestehen zudem erhebliche Zweifel daran, ob im Notfall die nötige Versorgung oder ein schneller Transport ins Krankenhaus gewährleistet werden kann.

Neben dem Vorwurf zahlreicher Rechtsverletzungen, wie der Quarantäne unbegleiteter Minderjähriger auf den Schiffen, kritisieren die Organisationen vor allem die herrschende Intransparenz:

«Offizielle Informationen über das Geschehen an Bord dieser Schiffe gibt es nicht oder nur in ungenügendem Maße. Dies betrifft sowohl die Frage der medizinischen, psychologischen, juristischen und technologischen Unterstützung an Bord als auch die Frage, wer eigentlich an Bord dieser Schiffe arbeitet. Es besteht also ein gravierender Mangel an Transparenz und Grund zur Sorge, was die Rechte der festgehaltenen Personen betrifft, insbesondere (wenn auch nicht ausschließlich) der Frauen und Kinder.» (Zitat aus dem Bericht Die Problematik der Quarantäneschiffe).

Weiterführende Links

Emma Wallis: ‘Deprived of their liberty’: Long-term asylum seekers in Italy who test positive for COVID-19 sent to quarantine ships, INFOMIGRANTS, 14.10.2020.

Die Problematik der Quarantäne-Schiffe für Migrant*Innen: Analyse und Forderungen, 10.12.2020.

Romina Spina: Zurück aufs Meer, WOZ, 08.04.2021.

Layli Foroudi, Federica Marsi: Tunisians risking their lives to escape Italy’s quarantine boats, Al Jazeera, 15.04.2021.

Das könnte Dich ebenfalls interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Follow @MinusGrenzen Bloggerei.de /* <\/use> <\/svg>"}; /* ]]> */