MinusGrenzen
Flüchtlinge beim Versuch die bosnisch-kroatische Grenze zu überqueren

Pushbacks und Gewalt an bosnisch-kroatischer Grenze

Allein im April 2021 hat das Border Violence Monitoring Network (BVMN) 42 illegale Pushbacks an der europäischen Grenze im Balkan registriert. Betroffen waren laut BVMN 1‘245 Migrant*innen, die versucht hatten, nach Europa zu gelangen.

Mit Militärtechnik gegen Migranten

150 Asylsuchende versteckten sich im bosnischen Grenzdorf bei Velika-Kladusa in Abrisshäusern, als Franziska Grillmeier für die taz vor Ort recherchierte. Das weitgehend verlassene Dorf ist gesäumt von Feldern und Waldstücken und liegt etwa ein Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt.

«Fast täglich laufen Kinder mit Rollkoffern, Mütter mit Babys vor der Brust, Väter mit Kleinkindern auf den Schultern an den unverputzten Dorfhäusern vorbei», schreibt die Journalistin.

Hinter einem alten Friedhof befindet sich ein Waldweg, den täglich Dutzende Migrant*innen und Asylsuchende entlanglaufen. Viele von ihnen versuchen, über die Berge die EU zu erreichen.
«Andere, vor allem Familien mit kleinen Kindern, nähern sich der unsichtbaren grünen Grenze und bitten die ersten Grenzpolizisten, die sie sehen, um Asyl», so Grillmeier.

Die bosnisch-kroatische Grenze wird modernder Militärtechnik überwacht. Deutschland hat Kroatien beispielsweise zehn Wärmebildgeräte im Wert von 350’000 Euro gegeben.

Rund 50’000 Landminen, die seit dem kroatischen Unabhängigkeitskrieg dort im Boden liegen, machen die Route durch die Berge besonders gefährlich. So einer Mine fiel am 5. März ein Asylsuchender aus Pakistan zum Opfer, der in der kroatischen Gemeinde Saborsko auf eine Mine trat. Vier weitere Männer sind bei der Explosion verletzt worden, einer schwer.

60% der Pushbacks verlaufen gewalttätig

In Velika-Kladusa lernte die Autorin unter anderem einen 16-jährigen afghanischen jungen kennen, der schon mehr als 55 Mal versucht hat, über die Berge nach Europa zu gelangen. Mit 12 Jahren ist er mit seiner Familie aus der Ortschaft Herat in Afghanistan geflohen.

Anfang des Jahres gelang es dem Rest seiner Familie, in die EU zu kommen. Allerdings ohne den 16-jährigen Sohn. Nach rund 30 Kilometern sei er und ein Freund von der kroatischen Polizei abgefangen worden. Danach musste er mit einer Beinverletzung, mit der er immer noch zu kämpfen hat, in ein Krankenhaus eingeliefert werde. Seinen Freund habe es noch schlimmer erwischt, erzählte er.

Migrationsrouten durch den Balkan

Laut dem «Danish Refugee Council» soll es im vergangenen Jahr zu mehr als 16’000 illegalen Pushbacks von Kroatien nach Bosnien und Herzegowina gekommen sein. 60% dieser Pushbacks verliefen laut dem «Danish Refugee Council» gewalttätig.

Sie brechen Arme aber keine Beine, damit man noch zurücklaufen kann

„Es sind immer Männer mit schwarzen Masken, an die wir von der kroatischen Polizei übergeben werden“, zitiert Grillmeier einen 41-jährigen Geflüchteten aus Kabul. «Sie schlagen auf die Schultern, damit man keinen Rucksack mehr tragen kann. Sie brechen die Arme, doch nicht die Beine, damit man noch 30 Kilometer zurücklaufen kann.»

Der Mann aus Kabul ist Vater von drei Kindern. Er erzählte der taz-Journalistin, dass die Grenzwächter den Flüchtlingen die Brillen und Kinderwagen kaputt machen würden. Doch das Schlimmste seien die Worte. Stets würden sie sagen, «dass sie im Auftrag von Deutschland und Frankreich handelten und dass wir in Bosnien bleiben sollen, weil wir Muslime sind».

Der Mann lebte mit seiner Familie bis vor einem Jahr im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Nach einem Jahr seien nur die Asylanträge eines Teils der Familie anerkannt worden. Aus Furcht, auseinandergerissen zu werden, versuchten sie, es über Albanien nach Bosnien und von dort nach Kroatien zu schaffen.
«Unzählige Male» hätten sie es versucht. Er erzählt, dass manche Grenzwächter Hunde auf sie losgelassen haben, als sie nicht schnell genug nach Bosnien zurückgerannt seien.

Gewalt, Demütigungen und Misshandlungen

Es häufen sich Berichte von körperlicher Gewalt, Misshandlungen, Demütigungen, sexuellen Übergriffen. Dabei geht es um Verbrennungen, Tritte und andere Handlungen kroatischer Beamter, die bei den Geflüchteten tiefe Wunden hinterlassen; körperlich und seelisch.

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In einem Schwarzbuch der Pushbacks, welches das Border Violence Monitoring Network im Dezember, der EU-Kommission vorgelegt hatte, stehen 892 Zeugnisse von solchen Pushbacks.

Wie solche Pushbacks ablaufen, erlebte auch der 18-jährige Afghane Danny, wie ihn Iván Furlan Cano in seinem Artikel für akduell.de nennt, am eigenen Leib. Auch er versuchte schon mehrfach über die bosnisch-kroatische Grenze nach Europa zu kommen.

Er wie viele andere Migrantinnen sprechen in dem Zusammenhang vom «Game». Er und viele hundert weitere Migrantinnen hielten sich zum Zeitpunkt der Reportage um die grenznahe Stadt Bihać auf.

Bihać und die Flüchtlinge

Laut den Cano halten sich in Bosnien rund 8’000 Asylsuchende auf. Die Mehrheit, rund 6’000 Menschen leben in offiziellen Flüchtlingscamps. 2’000 leben außerhalb solcher Lager. In verlassenen Häusern, Bauruinen, in Zelten im Wald, in Lagerhallen usw. Rund 500 dieser Flüchtlinge seien minderjährig.

Bihać erhielt mediale Aufmerksamkeit in ganz Europa, als im Dezember 2020 das rund 25 Kilometer entfernt liegende Flüchtlingslager Lipa abbrannte. Hunderte Menschen mussten in der Folge teilweise bei Minusgraden ausharren.

Seit Jahren führt die Fluchtroute Tausender Asylsuchender durch Bihać.

«Die Flächen rund um die jeweiligen Gebäude gleichen vielfach Müllhalden. Menschen kommen und gehen, geduldet, aber nicht erwünscht. Viele der Geflüchteten sind krank, leiden an Krätze, Atemwegsinfektionen, Erkrankungen der Verdauungsorgane, von den psychischen Erkrankungen ganz zu schweigen», beschr Iván Furlan Cano die Situation vor Ort.

Dennoch, so der Autor, versuchen die Migrant*innen, die temporär in Bihać stranden, eine Art Tagesstruktur aufrechtzuerhalten. Am Morgen würden Aufgeben verteilt, wie Wasser holen, Holz spalten, Feuer machen, kochen und Putzen. Am Nachmittag würde manchmal auf einem Platz hinter einem alten Fabrikgebäude Fußball oder Cricket gespielt. Die Cricketschläger bauen sie sich dazu aus alten Brettern.

Auch der zehnte Versuch scheiterte

Der achtzehnjährige Danny hat im Februar seinen zehnten Versuch unternommen, die Grenze nach Europa zu überqueren. Mit Freunden hat er einen kilometerlangen Aufstieg in Angriff genommen. Sie wateten teilweise durch hüfthohen Schnee. In der Nacht wollten sie die Grüne Grenze überqueren. Doch die kroatische Grenzpatrouille hielt sie einmal mehr auf und schickten die jungen Flüchtlinge nach Bosnien zurück. Das, obwohl laut Danny, sie um Asyl gebeten hätten, was aber nicht protokolliert worden sei.

Zum Zeitpunkt der Reportage hält sich Danny in einem Gebäude namens Dom Penzionera auf. Eine Bauruine, aus der eigentlich einst ein Pflegeheim werden sollte. Er teilt sich sein Quartier mit anderen Migrantinnen. Die meisten von ihnen Männer Mitte 20. Anstatt Türen haben sie Decken aufgehängt, um die Räume voneinander zu trennen. Im Zimmer, wo Danny schläft, stapeln sich die Matratzen, Schlafsäcke und Decken. Es gibt eine offene Kochstelle, wo ein Lagerfeuer brennt. In einem weiteren Raum, der einzige, der laut den Journalistinnen von Schutt und Müll befreit wird, wird fünf Mal am Tag gebetet.

Bei einem seiner bisherigen Versuche habe er es einmal nach einem zwölf tätgigen Fußmarsch fast bis Triest geschafft. Er werde es immer wieder versuchen, bis es klappt, sagte er.

Anwohner bezeugen Gewalt

In der Nacht vom 11. auf den 12. Februar 2021 machten sich sieben türkische Asylsuchende auf den Weg, die Grenze von Bosnien-Herzegowina nach Kroatien zu überqueren. Am Morgen darauf wurde einer von ihnen tot geborgen.

Die taz-Journalistin, Franziska Grillmeier, sprach mit einem Bosnier, der nur wenige Meter von der kroatischen Grenze entfernt wohnt. Er erzählte ihr, gesehen zu haben, wie maskierte Männer die sieben Asylsuchenden zwangen, sich zu entkleiden. Dann hätten sie die nackten Männer in den Grenzfluss Glina getrieben. Das Wasser sie in dem etwa 20 Meter breiten Fluss fünf bis sechs Meter tief. Zudem hätten die Grenzwächter Schüsse abgegeben.

Obwohl die Regierung zugab, am Morgen darauf einen toten Mann geborgen zu haben, gab sie über die Identität des Mannes oder die Todesursache keine Auskunft.

Der bosnische Mann berichtete, dass er immer wieder verletzte Migrant*innen versorge, die nach einem Pushback in seinem Haus landeten.
Manchmal, so erzählte er, würden die Grenzschützer die Menschen wieder aus dem kalten Wasser des Grenzflusses hinaustreiben und sie dann in einen grauen oder schwarzen Transporter setzen, wo sie die Klimaanlage auf die kälteste Stufe drehen.

«Zurück auf der bosnischen Seite der Grenze bleiben viele Geflüchtete oft tagelang verletzt in den Wäldern zurück. Laut lokaler Vorschriften dürfen die Bosnier keinen Geflüchteten im Auto mitnehmen oder ins Krankenhaus bringen», schreibt Grillmeier.

Das Schild Europas

2016 baute Ungarn an der Grenze eine Mauer und auch Serbien schloss die Grenze und damit die sogenannte Balkanroute. Seitdem reisen immer mehr Menschen über Albanien und Montenegro nach Kroatien, um von dort aus weiter Richtung Zentraleuropa zu kommen.

Seit Dezember 2018 unterstützt die EU Kroatiens Grenzschutz mit 6.8 Millionen Euro. Laut Grillmeier sollten 300’000 Euro davon für die Einrichtung eines Mechanismus zur Menschenrechtsbeobachtung verwendet werden. Die beiden Organisationen UNHCR und das Croatian Law Centre, mit denen Kroatien in diesem Zusammenhang zusammenarbeiten will, hätten aber klargestellt, dass sie nichts von dem Geld bekommen hätten.

«Ziel von Kroatien ist es, dass sie durch den Grenzschutz in den Schengen-Raum aufgenommen werden», zitiert Grillmeier eine Mitarbeiterin des Border Violence Monitoring Network: «Kroatien agiert als das Schild Europas, genau wie Griechenland.»

Die illegalen Pushbacks sind der EU längst bekannt. Im November des letzten Jahres sagte die EU-Kommissarin Ylva Johansson bei einem Besuch in einem bosnischen Flüchtlingslager, es sei «nicht akzeptabel, dass Menschen verprügelt und zurückgedrängt werden.»

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