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Überreste eines Hauses im Dorf Aldeia da Paz in der mosambikanischen Provinz Cabo Delgado, das von Kämpfern der Gruppe al-Shabaab im August 2019 angegriffen wurde.

Mosambik und die gefährliche Anti-Terror-Propaganda

Mit dem Angriff auf die Stadt Palma in Mosambik Ende März gelang den Kämpfern der Al Shabaab Miliz ein Coup. Mit einem Schlag berichteten Medien überall auf der Welt über die afrikanischen Islamisten, als den afrikanischen Arm der internationalen Terrorgruppe ISIS.

Doch der Konflikt in der Provinz Cabo Delgado im Norden Mosambik ist bereits seit 2017 in vollem Gange. Inzwischen sind rund 700’000 Menschen vertrieben worden. Doch lange Zeit interessierte die Situation in Cabo Delgado kaum jemanden. Nun, wird offen über militärische Intervention gesprochen. Mosambik könnte zur neuen Front im Krieg gegen den globalen Terrorismus werden. Doch die Anti-Terror-Kampagne wird die der Gewalt zugrundeliegenden strukturellen Probleme im Norden Mosambiks nicht lösen.

Internationalisierung eines regionalen Konflikts

Am 5. Oktober 2017 attackierte eine bewaffnete Gruppe drei Polizeistationen in der Grenzstadt Mocimboa da Praia in der mosambikischen Provinz Cabo Delgado.
In den folgenden Jahren gab es 50 weitere solche Angriffe auf Polizeistationen und andere Regierungseinrichtungen in der nördlichen Provinz.
Am 22. Februar 2019 erhielten die Angriffe eine neue Dimension als die islamistischen Aufständischen der inzwischen als Al Shabaab bekannten Extremisten einen Konvoi von Mitarbeitern der Firma Anadarko nahe der Stadt Palma, dem Hauptquartier eines milliardenschweren Erdgasprojekts, angriffen. Anadarko zog sich einige Monate später aus dem Projekt zurück und der Energieriese Total übernahm an seiner Stelle.

Karte von Mosambik

Nachdem es von Ende 2020 bis Februar 2021 ruhiger geworden war, kam es zu einem schweren Angriff der Extremisten auf die Stadt Palma am 24. März 2021. Sie belagerten die Stadt zwei Tage lang und töteten eine noch immer unbestätigte Anzahl von Menschen. Anwohner und ausländische Vertragsarbeiter. Alles in allem sollen seit Oktober 2017 rund 2000 Menschen bei solchen Angriffen umgekommen sein viele von ihnen starben im Kreuzfeuer zwischen Regierungstruppen, privaten Söldnern und Aufständischen.

Das internationale mediale Interesse nahm erst zu, als Al Shabaab bekannt gab, Beziehungen zur globalen Terrororganisation ISIS zu zu unterhalten und ISIS das bestätigte.

Eine komplexe Geschichte

Cabo Delgado liegt am nördlichsten Teil von Mosambiks Küstenlinie zum Indischen Ozean. Die Provinz ist geprägt von den Handelsnetzwerken der Swahili, die seit dem 9. Jahrhundert an den Küsten des Indischen Ozeans Handel treiben. Sie haben auch die Verbreitung des Islams vorangetrieben.
In den 1960er Jahren erhielt Cabo Delgado eine zentrale Rolle im antikolonialen Kampf gegen die seit dem 16. Jahrhundert bestehende portugiesische Kolonialmacht. Das Volk der Makonde in der Provinz Mueda bildete damals das Rückgrat von FRELIMOS Guerillakampf.

Doch die 1974 erlangte Unabhängigkeit brachte nicht die erwarteten wirtschaftlichen Verbesserungen. Die überwiegend ländliche Bevölkerung von Cabo Delgado wurde stattdessen in den blutigen Bürgerkrieg zwischen der FRELIMO-Regierung und den RENAMO-Rebellen verwickelt. 1992 wurde Frieden geschlossen. Doch die nördliche Provinz erlebte weder das wirtschaftliche Wachstum, den Anstieg des Pro-LOpf-Einkommens, noch den Investitionsboom der im südlichen Teil des Landes spürbar war.

Rohstoffausbeutung auf Kosten der lokalen Bevölkerung

Cabo Delgado ist die zweitärmste Provinz von ganz Mosambik. Ausserhalb des Landwirtschaftssektors bietet die Provinz der lokalen Bevölkerung kaum legale wirtschaftliche Möglichkeiten.
Fast alle nicht-bäuerlichen wirtschaftlichen Tätigkeiten in der Region haben mit der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zu tun. Der Export von forstwirtschaftlichen Produkt, einschliesslich legaler und illegaler Abholzung.
2009 wurden im Bezirk Montepuez Edelsteinvorkommen gefunden, wo seither Edelsteine und besonders hochwertige Rubine abgebaut werden. Doch 2012 führte der Ausbau eines Joint Ventures zwischen einer Minenkompanie, dem ehemaligen FRELIMO-Gouverneurs von Cabo Delgado sowie einer Tochtergesellschaft von Gemfileds zur Vertreibung Hunderter lokaler Familien von ihrem Land sowie der Ausweisung ausländischer Diamantensucher (sogenannte Grimpeiros), von denen viele aus dem benachbarten Tansania stammten.

Einige Monate vor dem Angriff auf die Polizeistationen in Mocimboa da Praia 2017 begann eine brutale Kampagne gegen Einheimische, die sich weigerten, ihr Land zu verlassen, das von der Bergbaugesellschaft für sich beansprucht wurde. Menschen wurden lebendig begraben, erschossen und Frauen vergewaltigt. Später wurde die Firma Montepuez Ruby Mining wurde 2019 von einem Londoner Gericht wegen Menschenrechtsverletzungen zu Kompensationszahlungen von 6.7 Millionen Euro verurteilt.

Enttäuschte Erwartungen

Der Handel mit Wildtier-Produkten nahm ebenfalls zu, insbesondere mit Elfenbein und Pangolinen (dessen Fleisch in Asien als Delikatesse gilt und desen Schuppen vielerorts als Arzneimittel Verwundung finden) sowie Meerestieren. Um die Ressourcen in den asiatischen Markt zu exportieren, begann lokale Gruppen mit kriminellen Netzwerken zusammen zu arbeiten. Darunter sind auch Drogenschmuggel-Netzwerke. Sie transportieren Heroin von Pakistan und Afghanistan via Mosambik nach Europa.

Seit 2019 wird Cabo Delgado auch von immer stärkeren tropischen Wirbelstürmen heimgesucht. Die Stürme zerstören Städte und Dörfer. Die Naturkatastrophen haben schon über 100’000 Menschen vertrieben.

Beispiellosen Wohlstand für die vernachlässigte Region und erhebliche Einnahme für Regierung versprach die Entdeckung von natürlichen Erdgasvorkommen im Jahr 2010.

Die Erwartungen der lokalen Bevölkerung waren hoch. Sie wurden aber einmal mehr enttäuscht. Denn wie schon im Fall der Rubinminen ignorierte man ihre Bedürfnisse. Dies galt im Besonderen für die bereits marginalisierte muslimische Küstenbevölkerung, die Mwani. Die Spaltung zwischen der christlichen und muslimischen Bevölkerung verstärkte sich noch und erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt in der Zerstörung der christlichen Mission Nangololo im November 2020.

Zusätzlich angeheizt wurde die Unzufriedenheit der Bevölkerung durch den Verdacht auf Korruption unter den Spitzenbeamten der Regierungspartei. Und das zu einer Zeit, als sich herausstellten, dass multinationale Firmen wie Anadarko und ENI ihre Versprechungen von Arbeitsplätzen und wirtschaftlichem Aufschwung nicht einlösten.

Arte-Beitrag der Sendung Mit offenen Karten: Mosambik – Aufstieg zur Energiemacht? (2016)

Von der Sekte zur Terror-Miliz

Laut Chris Alden und Sérgio Chichava entstand Al Shabaab in Mosambik unter dem Einfluss des kenianischen radikalischen Geistlichen Aboud Rogo Mohammed und dessen Jüngern. Er wurde am 27. August 2012 ermordet. Die erste islamistische Gruppierung trat 2015 in Cabo Delgado als Sekte in Erscheinung. Die Sekte wollte eine strikte Auslegung der Schariagesetze in Städten durchsetzen und es Kamm zu gewaltsamen Zusammenstössen mit Polizeikräften und zu Festnahmen von Sektenmitgliedern.

Anfang 2017 griff auch die Polizei Tansanias hart gegen Anhänger von Aboud Rogo Mohammed durch. Hunderte wurden verhaftet. Gut möglich, dass einige nach Cabo Delgado flohen und sich dort Al Shabaab anschlossen. Dasselbe für Ugander, die aufgrund einer Polizeioperation gegen die Usafi-Moschee in Kampala flohen. Ehemalige Garimpeiros aus Tansania konnten ebenfalls unter den Al Shabaab Anhängern identifiziert werden.

Die aufständischen Extremisten konzentrierten sich anfangs hauptsächlich auf Regierungsgebäude, einschliesslich Bezirksämter, Schule und Kliniken. Wegen der Angriffe auf staatliche Kliniken, mussten in der Provinz 37 von 130 Spitäler schliessen. Mit der Folge, dass Hunderttausende keinen Zugang mehr zu öffentlichen Gesundheitsdiensten hatten.

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Die Schätzungen über die Anzahl der Aufständischen variieren erheblich. Einige gehen davon aus, dass einen Kern von 200 Mitgliedern gibt, während andere von der vierfachen Anzahl ausgehen.

Es gibt Hinweise, dass manche Mitglieder mit Geld- und Kreditangeboten rekrutiert werden. Wo genau Al Shabaab seine Einkünfte herholt, bleibt unklar. Möglich ist, dass sie selbst von der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen wie illegaler Bergbau, Elfenbeinhandel und Drogenschmuggel profitiert haben.

Mosambiks Zivilbevölkerung im Kreuzfeuer

Die Sicherheitskräfte der Regierung sind nicht in der Lage, die Aufständischen auszurotten. Es wird angenommen, dass sich auch unter den Polizeikräften Radikale befinden, welche mit den Aufständischen zusammenarbeiten.

Seit dem Angriff auf Mitarbeiter des Unternehmens Anadarko im Februar 2019 haben die multinationalen Unternehmer zum Schutz ihrer Mitarbeitenden private Sicherheitskräfte unter Vertrag genommen. Auch die mosambikische Regierung griff auf die Hilfe privater Sicherheitsfirmen zurück.
Die russische Sicherheitsfirma der Wagner Group allerdings floh nach einem Angriff im März 2020. Ersetzt wurde sie durch die südafrikanische Sicherheitsfirma Dyck Advisory Group (DAG), deren Vertrag inzwischen allerdings ausgelaufen ist.
Im Bericht «What I Saw Is Death: War Crimes in Mozambique’s Forgotten Cape», den Amnesty Anfang März 2021 veröffentlicht hat, erhebt die Menschenrechtsorganisation schwere Vorwürfe gegen Armee und die «Dyck Advisory Group» (DAG).

«Die Bevölkerung von Cabo Delgado ist zwischen den mosambikanischen Sicherheitskräften, dem privaten Militärunternehmen DAG, das an Seite der Regierung kämpft, und der bewaffneten Oppositionsgruppe Al Shabaab gefangen. Alle drei Gruppierungen achten weder das Recht auf Leben noch das Kriegsrecht», sagte Deprose Muchena, Regionaldirektorin für das östliche und südliche Afrika in einer Mitteilung zum Bericht von Amnesty International (mehr dazu hier).

Die Zahl der Binnenvertriebeeen stieg im März 2020 von 110400 auf fast 530’000 im November 2020.

Der Ruf nach militärischer Intervention in Mosambik

Obwohl die Krise in Cabo Delgado schon lange droht, in benachbarte Provinzen und Staaten überzuschwappen, reagierten die benachbarten Akteure bis vor kurzem überraschend zurückhaltend.
Im Juni 2020 intensivierte sich erstmals die Diskussion um eine koordinierte Intervention seitens der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC).
Ende November verpflichtete sich die SADC zu einer «Umfassenden regionalen Antwort», von der Beobachter vermuteten, dass sie zu einem Einsatz einer regionalen Truppe führen würde, was aber schliesslich ausblieb.

Doch inzwischen ist der Druck für eine militärische Intervention grösser als je zuvor. Kurz vor dem Angriff auf die Stadt Palma Ende März setzte die USA die Al Shabaab offiziell auf ihre Terrorliste.
Selbst die EU erwägt inzwischen einen Militäreinsatz zur Unterstützung der mosambikischen Regierungstruppen.

«Wir werden versuchen, eine Ausbildungsmission zu entsenden, wie wir sie in der Sahelzone haben, um die Sicherheitslage in Mosambik beherrschbar zu machen», sagte der EU-Außenbeauftragte, Josep Borrell, bei einem Treffen der Verteidigungsminister der EU-Staaten in Brüssel.
Borell sagte, man wolle sich an der Ausbildungsmission für die Sahelzone (EUTM Mali) orientieren, an der bis zu 1077 Personen beteiligt sind. Der Einsatz sieht Beratung und Ausbildung der regionalen Streitkräfte im Kampf gegen die terroristischen Gruppen vor. Eine Beteiligung an Kampfeinsätzen umfasst das Mandat allerdings nicht.

«Mehr Soldaten und Waffen werden die Probleme nur verstärken»

Abdullah Boru Halakhe warnt in einem Artikel im Nachrichtenmagazin Al Jazeera ausdrücklich vor einer zusätzlichen Militarisierung des Konflikts. Die politische Propaganda, dass Afrika die neue Heimat für internationale Terrorgruppen sei und deswegen die neue Frontlinie im Kampf gegen den Terror bildet, hält er für brandgefährlich.

«Mehr Soldaten und Waffen ins nördliche Mosambik zu schicken, wird die Probleme nur verstärken», schreibt der Journalist.

Er ruft in Erinnerung, dass Nord-, Ost- und Westafrika seit Jahrzehnten an verschiedenen Formen bewaffneter Aufstände leide und die Versuche westlicher und afrikanischer Regierungen, diese mit militärischer Präsenz zu unterdrücken, seien bisher immer gescheitert.

Laut Halakhe unterhalten die USA 29 militärische Basen in fünfzehn verschiedenen Ländern Afrikas. Die meisten davon in der Sahelzone und in Regionen am Horn von Afrika. Seit 2014 führt Frankreich die grösste – 4’500 Mann – starke Militäroperation in der Sahelregion an. Mit einem jährlichen Budget von mehr als 700 Millionen Dollar.

In Somalia unterstütze seit mehr als einem Jahrzehnt die Mission der Afrikanischen Union (AMISOM) die somalische Regierung im Kampf gegen die somalische Al Shabaab. Doch trotz AMISOM, westlicher militärischer Unterstützung und amerikanischer Drohnen ist Al Shabaab weiterhin in der Lage, Anschläge in Somalia auszuführen.

Aufzeichnung eines Gesprächs über die Situation in Cabo Delgado des United States Institute of Peace.

Unwirksam und gefährlich

«Von Somalia bis Nigeria und Kenia versäumten es die Regierungen auf dem gesamten Kontinent wiederholt, die zugrunde liegenden sozioökonomischen Treiber von Aufständen in ihrem Hoheitsgebiet zu identifizieren und anzugehen. Stattdessen bezeichneten sie alle Aktivitäten der Aufständischen schnell als „Terrorismus“, übertrieben die losen Verbindungen zwischen lokalen Aufständischen und internationalen Terrorgruppen und versuchten, diese Gruppen militärisch einzudämmen. Dieser Ansatz erwies sich nicht nur als unwirksam, sondern führte auch zu ungeheuren Menschenrechtsverletzungen durch Sicherheitsbehörden», so der Afrikaexperte.

Die Folge sei eine zunehmend stärkere Abnahme des Vertrauens der Zivilbevölkerung in die staatlichen Autoritäten. Anstatt geschwächt zu werden, nutzen die aufständischen Gruppen die Menschenrechtsverletzungen durch die staatlichen Sicherheitskräfte aus, um neue Mitglieder zu rekrutieren und ihren Einfluss auszubauen.

«Anstatt sicherzustellen, dass die riesigen natürlichen Ressourcen der Region genutzt werden, um die lokale Bevölkerung aus der Armut zu befreien, entschied sich die Regierung, den Aufstand militärisch einzudämmen, und machte ein Auge zu den Menschenrechtsverletzungen, die von ihren Sicherheitskräften und ausländischen Partnern begangen wurden ein fruchtbarer Rekrutierungsplatz für die aufständische Gruppe.»

Das südliche Afrika sei lange Zeit von solchen gewaltsamen Aufständen verschont geblieben, schreibt Halake. Erst als 2017 in Mosambik die Konflikte begannen, änderte sich das.

In ihrer Anfangsphase waren es eher kleine Attacken, mit denen die Aufständischen sich gegen die Regierung richteten, so Halakhe. Erst mit den immer besser ausgerüsteten Sicherheitskräften kamen moderne Waffen in die Region. Die Aufständischen griffen in der Folge gezielt Einrichtungen an, wo sie Waffen und Ausrüstung stehen konnten. Und mit dieser modernen Ausrüstung waren sie in der Lage ihre Angriffe grösser zu skalieren.

Die gegenwärtige Lage in Mosambiks Norden

Laut Guardian sind mehr als 20’000 Menschen in der Nähe des Gasprojekts von Total in der Provinz Cabo Delgado seit mehr als einem Monat gefangen. Sie konnten bei den Angriffen nicht fliehen. Die Regierung hat zudem den Zugang für humanitäre Helfer blockiert, weswegen sie die Menschen auch nicht Lebensmitteln versorgen können.

Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) treffen seit dem Angriff Ende März noch immer täglich Geflüchtete in den Distrikten Nangade, Mueda, Montepuez und Pemba ein. Die Menschen kommen zu Fuss, in Bussen oder Booten.
Bisher sind 36’288 Vertriebene aus Palma registriert worden. 43% davon sind Kinder, 32% Frauen und 25% Männer. Darunter befinden sich 454 unbegleitete Kinder sowie 529 schwangere Frauen, 1228 ältere Menschen und 166 Personen mit Behinderung.

Die Distrikte Palma, Mocimboa da Praia, Mudiumbe, Macomia und Quissanga seien für für humanitäre Partner aus Sicherheitsgründen nicht betretbar, was der IOM besonders Sorge bereitet.

Geschichte dreier Jungen

Francesca Fontanini hat für das UNHCR die Geschichte von drei Jungen dokumentiert, welche bei dem Angriff auf Palma von ihren Eltern getrennt wurden.
Bakar, 13, Momad, 17 und Abdala, 15 haben Bananen auf dem Markt gekauft, als sie plötzlich realisierten, dass die Stadt gerade angegriffen wird. In den letzten vier Jahren hatten die jungen schon ähnliche Attacken erlebt.

Satellitenbild der Stadt Palma im Norden von Mosambik

«Zuerst habe ich gedacht, dass eine Bombe explodiert sei», erklärt Bakar, «Es herrschte völliges Chaos.»

Er erzählt weiter, dass «diese bösen Leute» zuerst die gesunden Jungen jagten, um sie zu rekrutieren.
Weil es nicht möglich war, nach Hause zu ihren Familien zu gehen, schlossen sie sich einer Gruppe von Flüchtenden an. Mit ihnen legten sie hunderte Kilometer zu Fuss und mit dem Bus zurück, bis sie Montepuez, die zweitgrösste Stadt von Cabo Delgado, erreichten.

Zwei Wochen lang blieben die drei Jungen in einem Lager, das die Regierung im Dezember 2020 für Binnenvertriebene eingerichtet hat. Derzeit leben dort rund 2’600 Menschen. Es gibt 80 selbst gebaute Unterkünfte aus Bambus und Schlamm. Die Jungen schliefen wie viele andere auch draussen unter freiem Himmel auf dem Boden. Die Tage verbrachten sie damit, nach Essen und einem besseren Schlafplatz zu suchen.

«Ich sehe kein Ende des Krieges. Wir leben bereits seit drei Jahren unter ständigem Terror, und die Kinder rennen weiterhin weg, verlassen ihre Häuser, werden von ihren Familien getrennt, müssen die Schule verlassen», sagte Momad, «Es ist schwer, unter diesen Umständen an eine Zukunft zu denken, wenn Du nicht weisst, wo Du morgen sein wirst.»

Die weissen Vertragsarbeiter werden zuerst gerettet

Rund 220 Zivilist*innen suchten beim Angriff auf Palma im Amarula Palma Hotel Schutz. Etwa 200 von ihnen gehörten zur lokalen schwarzen Bevölkerung. 20 von ihnen waren weisse Vertragsarbeiter. Überlebende haben Amnesty International berichtet, wie die Dyck Advisory Group (DAG) bei der Evakuierung die weissen Vertragsarbeiter bevorzugt hat.

Satellitenbild von der Stadt Palma im Norden von Mosambik

«Zeugen erzählten uns von Rassendiskriminierung in den Entscheidungen betreffend die Frage, wer aus dem Amarula Hotel vakuiert wird», erzählt Deprose Muchena von Amnesty International.

Amnesty interviewte 11 Personen, die ins Amarula Hotel geflohen waren. Sie alle gaben an, dass sie Sicherheitskräfte der DAG den Hotelmanager und die weissen Ausländer bevorzugt hätten.

Ein Überlebender erzählte: «Wir waren etwa 220 Menschen gefangen dort im Hotel – wir waren die Mehrheit und die Weissen waren etwa um die 20. Nach der Rettung und der Flucht, waren wir etwa 170 Menschen, die noch am Leben waren. Die meisten von den Weissen sind mit den Helikoptern gerettet worden, bevor wir das Hotel mit einem Wagen verlassen haben.»

Ein anderer Überlebender sagte: «Wir wollten nicht, dass alle Weissen gerettet werden, weil wir wussten, dass wenn erst mal alle Weissen das Hotel verlassen haben, wir dort zum Sterben zurückgelassen werden würden. Wir haben gehört wie sie über den Plan sprachen, alle Weissen mitzunehmen und die Schwarzen zurückzulassen.»

Hunde vor Frauen und Kindern

Die Zeug*innen sagten aus, dass der Hotelmanager das Chaos ausgenutzt habe, um seine zwei deutschen Schäferhunde in einem Helikopter in Sicherheit zu bringen.

«Wenn die Hunde nicht mitgenommen worden wären, hätten zwei oder drei mehr Menschen im Helikopter mitfliegen können. Die Tatsache, dass einige Frauen wegen den Hunden keinen Platz im Helikopter bekamen, bestürzte Leute.»

Die Helikopter konnten nur sechs Personen mitnehmen, sie flogen insgesamt vier Mal hin und her.

Nachdem die Helikopter weg waren, entschieden sich die Zurückgebliebenen, das Hotel in einem Wagen zu verlassen. Sie wollten den Strand von Quelinde erreichen, wo sie hofften, ein Boot nach Afungi zu finden.
Fast augenblicklich nach ihrer Abfahrt wurden sie von Al Shabaab-Kämpfern überfallen, welche draussen gelauert hatten. Ein Überlebender erzählt:

«Sie schossen auf unseren Wagen, der umkippte. Ich war verletzt, die Panzerfaust hätte fast meinen Kopf getroffen. Wir verliessen die Strasse und blieben sechs Tage lang in den Wäldern, ohne etwas zu essen oder Wasser zum Trinken. Wir haben es geschafft, zum Strand zu kommen und ein Boot zu finden, das uns nach Afungi brachte, wo wir Hilfe bekamen:»

In zwei Bootsfahrten gelangten die Überlebenden von Quelinde nach Afungi. Die erste Fahrt mit und 60 Personen darunter auch die übriggebliebenen weissen Vertragsarbeiter. Die zweite Fahrt tags darauf mit rund 70 Personen, alles Lokale, an Bord.

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