MinusGrenzen
Ein Bild der Verzweiflung in der äthiopischen Region Tigray

Menschenrechtsverletzungen im Tigray-Konflikt

Im November des letzten Jahres hatte die äthiopische Armee eine Militäroffensive gegen die in der nordäthiopischen Provinz Tigray aktive Volksbefreiungsfront TPLF gestartet. Obwohl der äthiopische Premierminister Ahmed Abiy schon nach wenigen Wochen das Ende des Militäreinsatzes verkündete, dauern die Kämpfe bis heute an. Hunderttausende Menschen sind aus der Region geflohen. Gemäss Schätzungen der UN flohen alleine 60’000 Menschen in den benachbarten Sudan.

Abzug eritreischer Truppen

Nachdem er wochenlang bestritten hatte, dass eritreische Soldaten in dem Konflikt mitmischten, räumte Abiy kürzlich live im Fernsehen deren Präsenz in der Region ein. Zudem gab er auch zu, dass es glaubwürdige Berichte gebe, dass es in dem Konflikt zu Menschenrechtsverletzungen gegen die Zivilbevölkerung gekommen sei. In der Fernsehsendung sagte er, dass die eritreischen Soldaten Menschen in der Region Schaden zugefügt hätten und die äthiopische Regierung dies nicht akzeptieren werde. Auf Twitter verkündete Abiy später, dass er sich mit Eritreas Präsident Isayas Afewerki getroffen habe. Die eritreische Regierung habe zugestimmt, ihre Truppen aus der Provinz zurückzuziehen.

Abiy Ahmed am World Economic Forum in Davos 2019

Abiy erklärte, Eritrea habe seine Soldaten in die Provinz geschickt, nach dem die TPLF die eritreische Hauptstadt mit Raketen beschossen habe. Diese Darstellung wird von Experten allerdings in Zweifel gezogen. Sie gehen eher davon aus, dass Abiy persönlich Eritrea um Unterstützung der äthiopischen Streitkräfte in der Region gebeten habe.

Äthiopien wurde jahrzehntelang von der aus Tigray stammenden Volksgruppe regiert und war in dieser Zeit mit Eritrea verfeindet. Von 1998 bis 2000 kam es zwischen den Nachbarn zu einem blutigen Grenzkonflikt, auf den hin eine jahrelange diplomatische Funkstille herrschte. Abiy war der erste Nicht-Tigreer, der seit langem an die Macht kam. Er beendete den Konflikt mit den Nachbarn 2018 und erhielt dafür 2019 den Friedensnobelpreis.

Die Mitteilung über den Abzug der eritreischen Truppen folgt auf immer zahlreicher werdende Berichte über Massaker und andere Menschenrechtsverletzungen, welche die eritreischen Truppen in Tigray verübt haben sollen.

So veröffentlichte erst kürzlich die äthiopische Menschenrechtskommission (EHRC) einen Bericht, in dem sie den eritreischen Soldaten vorwarf, für ein Massaker an mehr als hundert Zivilisten und Zivilistinnen in der Stadt Aksum verantwortlich zu sein. Dies, nachdem Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International bereits zahlreiche Belege für dieses Massaker präsentiert hatten.

Wie der Abzug der eritreischen Truppen mit Blick auf die Kämpfe mit der TPLF zu deuten ist, lässt sich schwer sagen. Die Deutsche Welle zitiert hierzu William Davison, Senior Analyst bei der International Crisis Group. Er sagt, dass Abiys Ankündigung auf die Bereitschaft hinzudeuten scheint, den Konflikt in Tigray zu beenden. Allerdings gebe es bisher keine Anzeichen dafür, dass die äthiopische Regierung eine Verhandlungslösung anstrebt.
“Es könnte zu einer Verstärkung des bewaffneten Widerstands in Tigray kommen. Und es ist schwer vorstellbar, dass Äthiopiens föderale Regierung diese Rebellion vollständig niederschlägt, wenn die eritreischen Truppen abziehen.”, sagt Davison.

Über 150 dokumentierte Massaker

Inzwischen mehren sich die Berichte von Menschenrechtsverletzungen in der Provinz. Und es ist längst nicht so, dass nur eritreische Soldaten beschuldigt werden. Die Los Angeles Times berichtete kürzlich über ein Massaker, das im Januar in Bora stattgefunden hat und für welches die äthiopischen Truppen verantwortlich seien. Auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen berichtete von Exekutionen auf offener Strasse durch äthiopische Soldaten.

Inzwischen sind mehr als 150 Massaker an Zivilisten dokumentiert worden. Die jüngsten bekannten Opfer waren Babys, die ältesten waren über neunzig Jahre alt. Ein Team der belgischen Universität Gent hat eine Liste der Massaker und der Opfer erarbeitet. Es gelang ihnen, rund 1900 Menschen zu identifizieren, die bei diesen Massenmorden getötet wurden.

BBC-Beitrag über Videomaterial, welches bei Hinrichtungen von Zivilisten in Tigray aufgenommen wurde.

Zwanzig dieser Massaker, die das Team auflistet, sind alleine im März dieses Jahres passiert. Darunter fällt die Ermordung von rund 250 Zivilisten und Zivilistinnen in der Stadt Humera. Am 25. März haben eritreische Soldaten, die nach TPLF-Kämpfern suchten, in dem Dorf Grizana dreizehn Menschen ermordet. Unter den Opfern befanden sich drei Männer in ihren 50ern und mehrere Frauen, darunter ein 15-jähriges und ein 2-jähriges Mädchen.

Geleitet wird die Untersuchung von Professor Jan Nyssen, der selber lange Zeit in der Provinz Tigray gelebt hat. «Diese Menschen sollten nicht vergessen werden», sagte er gegenüber dem Gardian, «Die Liste dient dazu, das Ausmass von dem aufzuzeigen, was da passiert.»
Für die Identifizierung der Opfer wurden mehr als 2000 Telefonate durchgeführt und zahlreiche Zeugen interviewt. Die Liste wird regelmässig auf Twitter aktualisiert.

In 18% der Fälle operierten äthiopische und eritreische Soldaten zusammen

Nur 3% der identifizierten Opfer starben durch Luftschläge oder Artilleriebeschuss. Die meisten von ihnen wurden bei Massenhinrichtungen erschossen oder bei organisierten Massakern wie jenem in Aksum, in welchem schätzungsweise 800 Menschen umkamen, oder in der Stadt Mai Kadra, wo 600 Menschen getötet wurden, umgebracht.

Die Liste der Opfer auf Twitter.

Über 90% der Opfer waren männlich. Bei den Vorfällen, die klar einer Täterschaft zugeschrieben werden können, waren äthiopische Soldaten für 14% der Tötungen, eritreische Truppen für 45% und paramilitärische Gruppen der Nachbarprovinz Amhara für 5% der Kriegsverbrechen verantwortlich. In 18% der Fälle sollen äthiopische und eritreische Truppen zusammen operiert haben.

Auch Ministerpräsident Abiy hat inzwischen eingestanden, dass auch äthiopische Soldaten in Tigray für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind. Vor dem äthiopischen Parlament versprach er, man werde Soldaten, welche Kriegsverbrechen begangen haben, zur Verantwortung ziehen.

Neben der Gewalt durch Soldaten leiden die Menschen unter der zusammengebrochenen Infrastruktur und zerstörten Ernten. Der Guardian zitiert Madiha Raza vom International Rescue Commitee, welche kürzlich die Provinz besuch hat: «Die Situation in den ländlichen Regionen ist am schlimmsten. Medizinische Zentren, Schulen, Spitäler, Banken und Hotels wurden geplündert und zerstört. Menschen, die ich interviewt habe, hörten verschiedentlich davon, wie Zivilisten umgebracht wurden. Nutztiere und Getreide sind verbrannt und zerstört worden. Die Menschen werden in Angst und Schrecken versetzt.»
Ärzte ohne Grenzen spricht in diesem Zusammenhang von organisierten Bemühungen, das Gesundheitssystem in der Provinz vollständig zu zerstören.

Eine Welle sexueller Gewalt

Neben Massenmorden und Zerstörung spielt die sexuelle Gewalt im Tigray-Konflikt eine grosse Rolle. «Vergewaltigung wird als Waffe eingesetzt», erzählt Leta Tesfay von der Tigray Women’s Association gegenüber der York Times. Sie leitet in Frauenhaus in Mekelle, «Was da passiert, ist unvorstellbar.» Auch Ahmed Abiy hat gegenüber dem Parlament eingeräumt, dass sexuelle Übergriffe ein wesentlicher Bestandteil des Krieges geworden seien, den er einst als schnell und unblutig angekündigt hatte.
“Jeder, der unsere tigrayanischen Schwestern vergewaltigt hat, jeder, der an Plünderungen beteiligt ist, wird vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen”, sagte Abiy, “Wir haben sie geschickt, um die Junta zu zerstören, nicht unser Volk.

Reportage von Channel 4 über die sexuelle Gewalt im Tigray-Konflikt.

Mehr als 500 Vergewaltigungsfälle sind allein in fünf Kliniken der Provinz Tigray dokumentiert worden. Der Guardian lässt in einem Artikel eine 26-jährige Bäuerin zu Wort kommen, die mit ihrem Mann und ihren Kindern vor mordenden Amhara Spezialtruppen Mitte November in die Stadt Korarit fliehen musste. Einen Monat lang war die Familie unterwegs, bis sie in Sicherheit war. «Ich habe gesehen, wie Frauen vor meinen Augen vergewaltigt wurden. Fünf oder mehr Soldaten vergewaltigten eine einzelne Frau. Einige wurden danach tot zurückgelassen», schildert sie.

In ihren Berichten erzählen andere Augenzeugen, wie Mädchen im Teenager-Alter von 15 oder 16 Männern vergewaltigt wurden und danach mit Knochenbrüchen zurückgelassen wurden.

Schutzlos ausgeliefert

In einer geleakten Aufnahme eines Treffens zwischen verschiedenen Diplomaten mit dem äthiopischen General, Yohannes Tesfamariam, hört man, wie er den Konflikt in der Provinz als «dirty war» bezeichnet, dem die Zivilisten und Zivilistinnen schutzlos ausgeliefert sind.

Die 18-jährige Äthiopierin, Monaliza Abraha, die mit ihrem Grossvater von einem eritreischen Soldaten in ihrem Zuhause überfallen worden ist, spricht gegenüber der New York Times von einer ethnischen Säuberung, die in Tigray vonstattengeht. Der Soldat versuchte sie damals zu vergewaltigen, doch die junge Frau wehrte ihn ab. Schliesslich schoss er mehrmals auf sie, bevor er das Haus verliess. Ihr von sieben Schüssen verletzter Arm musste amputiert werden. Noch immer befindet sie sich im Spital, weil die Knochen in einem Bein zersplittert sind. «Die Soldaten haben es auf tigraysche Frauen abgesehen, um sie davon abzuhalten, tigraysche Kinder auf die Welt zu bringen», sagt sie.

Pramila Patten, UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt bei Konflikten, erzählt, dass oft Männer unter Androhung von Gewalt gezwungen würden, Mitglieder der eigenen Familie zu vergewaltigen.

Ein auf sexuelle Gewalt spezialisierter Arzt in der grössten medizinischen Einrichtung in der Provinz Tigray erzählte der New York Times, dass er seit Beginn des Konflikts täglich mindestens drei neue Patientinnen bekomme. Er erzählt von Frauen, die von Soldaten aus ihrem Zuhause verschleppt, tagelang irgendwo festgehalten und wiederholt vergewaltigt wurden.

Eine 29-jährige Frau schildert der New York Times, wie sie von eritreischen und äthiopischen Soldaten überfallen wurde. Einer der Angreifer erschoss ihren zwölfjährigen Sohn. Sie selbst wurde an einem Baum in der Nähe ihres Hauses festgebunden. Während zehn Tagen habe man sie wiederholt misshandelt. «Ich habe aufgehört zu zählen», sagt sie, «Sie haben von mir Fotos gemacht, mich mit Alkohol übergossen und gelacht.»

In vielen Fällen würde gar nicht ermittelt, erzählen Helfer vor Ort, weil die Beamten sich weigerten, die Berichte der Frauen entgegenzunehmen. Sie fürchten sich zu sehr vor den Soldaten.

Weiterführende Links:

The Cheat Sheet: Eritrea to withdraw troops from Ethiopia, The New Humanitarian, 26.03.2021.

Eritreas Streitkräfte verlassen Tigray, dw.com, 26.03.2021.

Jason Burke: Ethiopia: 1’900 people killed in massacres in Tigray identified, the Gardian, 02.03.2021.

Declan Walsh: „They Told Us Not to Resist“: Sexual Violence Pervades Ethiopia’s War, The New York Times, 01.04.2021.

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