MinusGrenzen

Grenzen des Bewusstseins: Das Unterbewusste

Sind wir nur Marionetten unbewusster Einflüsse, Triebe und Gehirnaktivitäten? Wirft man einen Blick auf das, was Psychologen und Hirnforscher in ihren zahlreichen Experimenten in den letzten
Jahrzehnten zutage gefördert haben, ist man fast versucht, das zu glauben.

Faszination Unterbewusstsein

Das Unbewusste fasziniert seit jeher. Film und Literatur beschäftigen sich in zahlreichen Werken
und auf unterschiedlichste Weise damit. Gerade in den Nullerjahren griffen Drehbuchautoren und Filmemacher auf das Unbewusste zurück, um Protagonist und Zuschauer gleichermassen bis kurz vor Filmende hinters Licht zu führen. So etwa in «Fight Club» oder in «Der Maschinist», wenn die letzten fünf
Minuten offenbarten, dass wichtige Elemente der Handlung nur im Kopf des Helden stattgefunden haben.

Ebenfalls für Unterhaltung sorgte die in den Achtziger- und Neunzigerjahren sehr beliebte Showhypnose, bei der sich Freiwillige zum Vergnügen der Zuschauer nur allzu oft zum Affen machten –
nicht selten im wortwörtlichen Sinn.
Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse, machte die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten Anfang des 20. Jahrhunderts salonfähig. Freud war überzeugt, der grösste Teil der menschlichen Entscheidungen werde von unbewussten Motivationen bestimmt.

Zweischneidiges Schwert

Im Alltag referieren wir auf mannigfaltige Weise auf unbewusste Phänomene. Wir sprechen von der Macht des positiven Denkens oder versuchen, durch freies Assoziieren kreative Ideen zu entwickeln. Das Unbewusste verstehen wir hier als Quelle in uns versteckter, unsichtbarer Kräfte und Inspiration.
Es erhält meist dann negative Deutung, wenn wir von verdrängten Trieben und Erinnerungen sprechen oder wenn wir fürchten, auf verstecktem Weg, etwa in der Werbung, durch unterschwellige Botschaften manipuliert zu werden. Es ist die Angst vor Kontrollverlust und davor, sich nicht mehr auf die
eigenen Sinne verlassen zu können.

Unzuverlässige Sinne und Erinnerungen

Die täuschende Macht des Unbewussten wurde in vielen wissenschaftlichen Experimenten erwiesen. Insbesondere unsere primären Eindrücke wie etwa das Schmecken sind besonders anfällig für Täuschungen, denn sie werden von anderen Sinnen und unserem Vorwissen oft überlagert, verzerrt oder sogar ersetzt. In einem Versuch setzte der französische Weinexperte Gil Morrot angehenden Sommeliers einen Rot- und einen Weisswein zum Verkosten vor. Während dem Weisswein die Geschmacksnoten
von Grapefruit, Stroh und Zitrone attestiert wurden, beschrieben die Verkoster den Geschmack des
Rotweins mit Begriffen wie Kirsche, Zedernholz und Pflaume. Was die Probanden nicht wussten: In beiden Fällen handelte es sich um denselben Weisswein, der zur Hälfte mit geschmackloser Lebensmittelfarbe rot eingefärbt worden war.
Die Kandidaten schmeckten scheinbar etwas, was gar nicht da war. Ähnliche Experimente gibt es zuhauf.

Ebenfalls ungern nehmen wir Forschungsergebnisse zur Kenntnis, die unsere Erinnerungen als höchst unzuverlässig beurteilen, ja sogar darauf hinweisen, dass ein Grossteil unserer Erinnerungen
Konstrukte sind.

Keine Angst vor dem Unbewussten

Sind wir also tatsächlich nur Marionetten unbewusster Vorgänge? Fakt ist: Wir sind komplexe Wesen, und unsere Wahrnehmung beruht nicht allein auf unseren primären Sinnen, sondern wird ständig von unseren Überzeugungen, Wünschen, Ängsten und unserer Tagesform geprägt. Wir nehmen die Welt nicht immer eins zu eins so wahr, wie sie wirklich ist, sondern eben nur so, wie sie sich uns präsentiert.

In unserem Alltag jedenfalls werden wir dadurch selten beeinträchtigt. Gegen ungewollte Einflüsse auf unser Unbewusstes besitzen wir zudem die Waffe der kritischen Vernunft, mit der
wir sowohl unser Innenleben als auch unsere Aussenwelt reflektieren und hinterfragen, die wir gezielt einsetzen und trainieren können.

Es mag also dünne Fäden geben, die hin und wieder an uns ziehen, doch sind sie selten so stark, dass sie uns irgendeine Richtung aufzwingen könnten. Mit wachem Verstand sind wir in der Lage, die Fäden zu erkennen, sie zurückzuverfolgen und uns ihnen zu entziehen. Und wenn es im Keller unseres
Bewusstseins mal so richtig rumpelt und scheppert, machen wir am besten das Licht an und gehen runter nachschauen, was los ist.

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