MinusGrenzen

Grenzen der Moral (2): Moral durch Macht

Der ethische Kontraktualismus beansprucht für sich, die einzig rationale begründbare Moraltheorie zu sein. Doch wie begegnen Vertreter dieser Moraltheorie dem Reichweitenproblem? Dieser Frage gehen wir im Folgenden nach.

In seinem Buch «Handeln zugunsten anderer» hat Peter Stemmer, deutscher Philosophieprofessor an der Universität Konstanz, drei notwendige Bedingungen für die Mitgliedschaft in einer moralischen Gemeinschaft definiert.

Erstens müssen alle Mitglieder überhaupt einmal über grundlegende basale Interessen verfügen. Das sind Interessen, die jeder hat, der überhaupt irgendetwas will, wie Stemmer schreibt.

Macht- und Vernunftbedingung

Zweitens müssen Mitglieder die sogenannte Machtbedingung erfüllen.
«Nur wer über Handlungsmöglichkeiten verfügt, vor denen der andere sich rationalerweise schützen oder deren er sich rationalerweise vergewissern will, kann Mitglied er moralischen Gemeinschaft sein», erklärt Stemmer.

Mitglieder der moralischen Gemeinschaft müssen also die Macht haben, andere zu schädigen oder ihnen maßgeblich zu helfen. Wenn Michael gar nicht dazu in der Lage ist, Peter etwas anzutun, so hat Peter auch gar keinen Grund, mit Michael gegenseitige verbindliche Regeln zu vereinbaren, die es ihnen untersagen, den jeweils anderen zu schädigen. Peter hat von Michael ja sowieso nichts zu fürchten.

Drittens bedingt die Mitgliedschaft in der moralischen Gemeinschaft, dass man vernunftbegabt ist. Diese Bedingung kennt auch das Obligationenrecht, demgemäß nur Verträge abschliessen kann, wer handlungsfähig, also urteilsfähig und mündig ist.

Kein Vertrag – keine moralischen Rechte

Die drei Bedingungen von Stemmers ethischem Kontraktualismus haben zur Folge, dass gewisse Lebewesen, denen wir gemeinhin moralische Rechte zusprechen, aus dem moralischen Raum ausgeschlossen sind.

Tiere, Kleinkinder und bestimmte Menschen mit Behinderungen sind nicht in der Lage, alle drei Bedingungen zu erfüllen.

Ein Raubtier beispielsweise ist zwar mächtig genug, um Mitglieder einer moralischen Gemeinschaft zu schädigen, allerdings ist es nicht möglich, mit ihm einen gegenseitig verpflichtenden Vertrag einzugehen.

Schon in den siebziger Jahren hat der Philosoph Geoffrey Russell Rice eine kontraktualistische Moraltheorie vertreten, nach der gewisse Gruppen keine natürlichen Rechte, wie er es formulierte, haben.
Kinder etwa können gemäß Rice nicht in einen Vertrag eingebunden werden, weil sie nicht verstehen, was es bedeutet, sich in einem Vertragsverhältnis zu befinden und daran gebunden zu sein. Zudem fehlt ihnen jedwede Verhandlungsmacht.

Ausserhalb der moralischen Gemeinschaft

Doch die Anzahl von Individuen, die in so einer Moraltheorie außerhalb der moralischen Gemeinschaft stehen, ist grösser, als man es im ersten Moment vielleicht denkt. David Philips etwa spricht von vier Gruppen von Individuen, die im ethischen Kontraktualismus keinen moralischen Schutz genießen.

Die erste Gruppe umfasst die zeitlich beschränkt Ausgeschlossenen wie etwa die Kinder. Aber auch Menschen, die etwa durch einen Unfall nicht bei vollem Bewusstsein sind, müssten um ihren moralischen Status bangen. In ihrem Fall würde Stemmer allerdings argumentieren, dass es im Interesse aller ist, sie zu schützen, weil jedes Mitglied der moralischen Gemeinschaft, damit rechnen muss, einmal im Leben selbst in so eine Situation zu geraten.

Die zweite und vierte Gruppe umfassen die permanent Ausgeschlossenen. Tiere, Menschen mit schwerer Behinderung oder auch Arme. Entweder sind sie ausgeschlossen, weil sie die Macht-, die Vernunftbedingung oder keine der beiden erfüllen.
Bisher noch unerwähnt blieb die dritte Gruppe, nämlich jene der zukünftigen Generationen. Menschen und Tiere, die erst noch geboren werden, geniessen im ethischen Kontraktualismus keinerlei moralische Rechte.

Wieso Rufus trotzdem sicher ist

Nichtdestotrotz glaubt Stemmer, dass Tiere, Kleinkinder oder auch Menschen mit einer schweren Behinderung in der Regel moralischen Schutz genießen. Diesen Schutz begründet Stemmer mit sogenannt indirekten Pflichten.

Ein Beispiel:

Peter ist ein reicher, großgewachsener und muskulöser Großindustrieller und Politiker. Er erfüllt alle drei stemmerischen Bedingungen und ist somit Mitglied der moralischen Gemeinschaft. Peter hat einen Hund, der Rufus heißt. Rufus ist kein Mitglied der moralischen Gemeinschaft.
Johannes wiederum ist so ein Mitglied. Johannes ist Peter’s Nachbar. Er ärgert sich schon seit langem über Rufus, der oft unbeaufsichtigt draußen rum streunt und dabei gerne in Johannes‘ Garten kackt. Johannes würde dem Hund liebend gerne mal einen heftigen Tritt verpassen, tut es aber nicht. Weshalb? Rufus‘ ist ja kein Mitglied der moralischen Gesellschaft.

Nun, gemäß Stemmer, gibt es indirekte moralische Pflichten, die Johannes davon abhalten. Peter hat ein grundlegendes Interesse am Schutz seines Hundes und Johannes ist deswegen Peter gegenüber verpflichtet, seinen Hund anständig zu behandeln.
Wenn sich Johannes also abreagieren will, muss er sich schon ein Tier suchen, das niemandem gehört, der Mitglied der moralischen Gemeinschaft ist.

Peter selbst ist als Besitzer des Hundes allerdings an keinerlei moralische Pflichten gebunden. Er kann Rufus quälen, wie er will. Für ihn als Besitzer gibt es kein anderes Mitglied der moralischen Gemeinschaft, demgegenüber er verpflichtet wäre, Rufus gut zu behandeln.

Ideale statt moralische Pflichten

Das heißt nun nicht, dass Stemmer Tierquälerei generell gutheißen würde. Nur sei es eben nicht das Gleiche, ob man zu einer Person, die Tiere grausam behandelt, sagen kann:«Was Du tust, stößt mich ab und macht Dich mir fremd“, oder, ob man sagen kann: Was Du tust, darfst Du nicht tun, weil es ein Unrecht ist, das Du unterlassen musst.»

Nur, weil wir gegenüber Lebewesen empathisch sind und sie nicht leiden sehen wollen, heißt das laut Stemmer nicht, dass es eine moralische Pflicht gibt, sie vor Leiden zu schützen bzw. ihnen kein Leid zuzufügen. Stemmer unterscheidet dabei zwischen «persönlichen Idealen» und «moralischen Pflichten».

Indirekte Pflichten bei Kant

Schon Immanuel Kant befasste sich mit der Frage, welcher moralische Status eigentlich Tieren zukommt und prägte schließlich in diesem Zusammenhang den Begriff der indirekten Pflichten.

Im Gegensatz zu Stemmer bezog sich Kant dabei allerdings nicht auf eine Vertragstheorie. Gemäß Kant handelt es sich um eine Pflicht des Menschen sich selbst gegenüber. So schreibt er in seinem Werk «Metaphysik der Sitten», dass die gewaltsame und grausame Behandlung von Tieren der Pflicht des Menschen sich selbst gegenüber entgegengesetzt ist, weil «dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität im Verhältnisse zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird».

Immanuel Kant, * 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804

Die erwünschten Kinder

Und wie sieht das bei Kleinkindern aus? Auch sie sind gemäß Stemmer über indirekte Pflichten geschützt. Grundlegend dafür sind zwei Arten von Interessen.

Erstens, hat die moralische Gemeinschaft als Ganzes ein Interesse an einer nachwachsenden Generation. Die Älteren sind darauf angewiesen, dass ihre Kinder unbeschadet aufwachsen und die notwendigen Fähigkeiten entwickeln, um die für die Gesellschaft lebensnotwendigen Aufgaben zu erfüllen.
Dieses Interesse ist allerdings nur auf «gewünschte» Kinder beschränkt. So müsse eine Entscheidung zugunsten des Kindes vorangehen, bevor diese indirekten Pflichten greifen, schreibt Stemmer.

Zweitens, haben natürlich die Eltern der Kinder in aller Regel ein Interesse daran, dass ihre Kinder gut behandelt werden, wodurch sich die zweite indirekte Pflicht ergibt. Allerdings entstehen durch das Interesse der Eltern am Wohlergehen des Kindes keine indirekten Pflichten für die Eltern selbst.

Wieweit der moralische Schutz von Kindern reicht, ist zudem unklar. Ob etwa körperliche Züchtigung von Kindern in der Schule im ethischen Kontraktualismus moralisch vertretbar ist oder nicht, lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Stemmers bittere Beruhigungspille

Stemmer ist sich durchaus bewusst, dass er hier eine Art von Minimalmoral beschreibt, die viele Einwände produziert.

«Das Gemeinsame beider Abweichungen liegt darin, dass die kontraktualistisch fundierte Moral nichts enthält, was den Mächtigen daran hindert seine Macht dem Schwächeren gegenüber zur Geltung zu bringen. Nichts zwingt ihn, sich zugunsten des Schwächeren zu verhalten. Die kontraktualistische Moral ist eine Moral der gleich starken; und deshalb kennt sie nicht das moralische „Muss“, zugunsten des Schwächeren zu handeln.»

Stemmer will aber alle beruhigen, welche in dieser Art der Minimalmoral eine Gefahr für den Schutz von Schwächeren sehen. Denn gemäß Stemmer sei die Hauptquelle unseres Handelns zugunsten anderer nicht die Moral, sondern unsere altruistischen Ideale, wie Gleichheit und Gerechtigkeit, sowie unser Mitleid.

Nichtsdestotrotz, wie Stemmer selbst eingesteht, würde die Frage, was moralisch richtig und falsch ist, alleine von den Starken und Mächtigen ausgehandelt und schlussendlich definiert.

Diese Minimalmoral, das ist die Überzeugung von Stemmer, Rice und anderen Vertretern eines solchen ethischen Kontraktualismus, ist die einzig mögliche Form, moralische Prinzipien, Regeln, Rechte und Pflichten vernünftig zu begründen und rechtfertigen.

Sklaverei im ethischen Kontraktualismus

Moraltheorien müssen es uns ermöglichen, Handlungen und gesellschaftliche Institutionen nach ihrer moralischen Richtigkeit zu bewerten. Entsprechend gilt dies auch für den ethischen Kontraktualismus.
Welche Antwort kann er uns geben, wenn wir ihn etwa fragen:

Ist Sklaverei moralisch verwerflich?

Wahrscheinlich muss heutzutage kaum jemand lange überlegen, um diese Frage mit Ja zu beantworten. Über diese Frage herrscht in der modernen Gesellschaft eigentlich keinerlei Dissens. Es mag gestritten werden, was genau unter Sklaverei fällt, was sklavenartige Zustände sind, aber grundsätzlich wird die Überzeugung geteilt, Sklaverei ist etwas Verwerfliches.

Doch lässt sich dieses moralische Urteil auch mit dem ethischen Kontraktualismus begründen?

Über viele Jahrhunderte hinweg war die Sklaverei in vielen Gesellschaften eine gängige Praxis. So etwa in der Antike, also in jener Epoche, in der die großen Philosophen wie Sokrates, Aristoteles oder Platon den Grundstein der Philosophie legten.

Im antiken Griechenland besaß die gesellschaftliche Elite Sklaven. Zugespitzt lässt sich sagen: Während sich die Oberschicht in den luftigen Höhen ihres Geistes der Politik, Philosophie, Kunst und dem leiblichen Wohl widmete, erledigten ihre Untergebenen die notwendigen praktischen Tätigkeiten. Ohne die Sklaven wäre das alltägliche Leben im alten Griechenland schnell zusammengebrochen.

Die Sklaven waren in der Regel vernunftbegabte Menschen, wenn auch oft ohne große Bildung. Sklaven waren nicht machtlos. Sie konnten sich der Oberschicht widersetzen und gewaltsame Aufstände gegen ihre Herren organisieren. Bekanntestes Beispiel: Spartacus.

Trailer zum Film „Spartacus“ aus dem Jahr 1960 mit Kirk Douglas in der Hauptrolle.

Institutionelle und politische Macht war ihnen hingegen verwehrt. Sie waren rechtlos, Eigentum ihres Herren. Die Frage also, ob sie die Machtbedingung erfüllten, hängt von der Perspektive ab. Für den einzelnen Sklavenhalter konnte es durchaus von Interesse sein, gewisse moralische Verpflichtungen seinem Sklaven gegenüber einzugehen, um so etwa zu verhindern, dass ihn der Sklave eines Nachts im Schlaf umbringt.

Ebenso war der ganzen Oberschicht daran gelegen, zu verhindern, dass die Sklaven gewaltsam aufbegehrten. Folgt daraus nun, dass sie moralische Pflichten gegenüber ihren Sklaven hatten? Unklar zu beantworten. Genauso gut, könnte man daraus folgern, dass es in ihrem Interesse war, die Sklaven erst recht zu unterdrücken, um die eigenen, angestammten Privilegien zu schützen und die Sklaven nicht auf dumme Ideen kommen zu lassen.

Es lässt sich an diesem Beispiel schnell erkennen, dass der ethische Kontraktualismus schlecht dazu geeignet ist, politisch-gesellschaftliche Institutionen und Handlungen moralisch zu bewerten. Denn letzten Endes fällt der ethische Kontraktualismus immer auf die Frage zurück, was sind die Interessen der Mächtigen und mit welchen Mitteln können sie diese Interessen am besten erreichen oder verteidigen. Aber ist das denn überhaupt eine moralische Frage?

Sozialstaat im ethischen Kontraktualismus

Ein weiteres grosses Problem, dem der ethische Kontraktualismus aufgrund des Reichweitenproblems gegenübersteht, lautet, wie lässt sich der moralische Schutz der Schwächsten einer Gesellschaft rechtfertigen und Hilfs- und Fürsorgepflichten ihnen gegenüber begründen.

Der Philosoph Jan Narveson hält dies ähnlich wie Stemmer nicht für ein grosses Problem.

  • Erstens, haben auch Menschen mit Behinderung und arme Menschen Verwandte und Freunde, die ein Interesse an ihrem Wohlergehen haben.
  • Zweitens, muss jedes Mitglied der moralischen Gemeinschaft damit rechnen, selbst einmal an Senilität zu erkranken, durch einen Unfall eine Behinderungen davon zu tragen, oder ein Kind zu bekommen, das behindert ist. Darum hat jedes Mitglied ein Eigeninteresse, dass diese Gruppen geschützt sind.

Allerdings handelt es sich hierbei um zwei Behauptungen, die einer genaueren Überprüfung keineswegs standhalten.

So stimmt es nicht, dass tatsächlich jeder Mensch in ein solches Netzwerk bestehend aus Mitgliedern der moralischen Gemeinschaft eingebettet ist. Viele Menschen mit schwerer Behinderung oder Menschen, die in Armut leben, haben keine Verwandten oder Freunde mehr, die sich um sie kümmern.

Ebenfalls ist es äußerst zweifelhaft, ob die Angst, selber einmal schwer zu verunfallen oder zu erkranken wirklich so stark ist, dass sich daraus ein Eigeninteresse des Einzelnen ableiten lässt, jene zu schützen, denen so ein Schicksalsschlag tatsächlich widerfahren ist. Im Alltag jedenfalls spielt diese Angst kaum eine Rolle. Rein aus Eigeninteresse ist es für den Einzelnen genauso vernünftig, zu sagen:
«da hatte jemand Pech, aber die Wahrscheinlichkeit, dass dasselbe mir als gesunder wohlhabender Mensch mit Zugang zu den besten Medizinischen Einrichtungen widerfährt, ist verschwindend gering.»

Absage an den universellen Wohlfahrtsstaat

Narveson unterscheidet dann auch zwischen einem passiven moralischen Schutz und einer aktiven Hilfspflicht. Ein passiver moralischer Schutz für Gruppen außerhalb der moralischen Gesellschaft meint er, wie oben ausgeführt, sei leicht begründbar.

Allerdings gilt das nicht für Hilfspflichten gegenüber Gruppen außerhalb der moralischen Gemeinschaft. Narveson geht soweit zu sagen, dass der universelle Wohlfahrtsstaat von Vertretern des Kontraktualismus nicht unterstützt werden könne. Krankenkosten, Kosten für die Fürsorge von Menschen, die mit einer Behinderung geboren wurden, lasse sich nicht auf die Allgemeinheit übertragen.

«Fürsorge sollte jenen überlassen werden, die sich darum kümmern. Und falls jene, die unsere Meinung vertreten, nicht zahlreich genug sind, dann sollten wir besser tiefer in unsere eigenen Taschen greifen als gewaltsam Geld von Millionen unschuldigen Unbeteiligten einzutreiben, die mit der Entstehung dieser Fälle nichts zu tun hatten und die nichts dabei zu gewinnen haben, wenn sie deren Fürsorge unterstützen», schreibt er im Buch «Die Kontraktualistische Theorie der Moral».

Problemlösung durch eine Tiefe Hürde der Machtbedingung

Stemmer geht nicht soweit wie sein Kollege. Er versucht, das Reichweitenproblem des ethischen Kontraktualismus damit zu umgehen, dass er die Machtbedingung besonders tief ansetzt. So dass Jugendliche, Alte, Arme und Menschen mit einer Behinderung oder chronischen Krankheit diese erfüllen können.

Doch wie kommt Stemmer dazu, anzunehmen, die Machtbedingung könne so tief angesetzt werden. Immerhin definiert Stemmer die Machtbedingung selbst folgendermassen:
«Nur wer über Handlungsmöglichkeiten verfügt, vor denen der andere sich rationalerweise schützen oder deren er sich rationalerweise vergewissern will, kann Mitglied der moralischen Gemeinschaft sein.»

Rolf ist vom Rumpf an abwärts gelähmt. Folglich ist er nicht in der Lage zu gehen. Seine Mobilität ist schwer eingeschränkt. Durch Hilfsmittel wie Rollstühle, Lifte und rollstuhlgängige Wege und Straßen sowie öffentliche Verkehrsmittel werden diese Einschränkungen abgemildert. Dank ihnen kann er zur Arbeit gehen, Freunde treffen und vieles mehr. Selbst, wenn er sein Haus nicht verlassen könnte, würde ihm das Internet heute ermöglichen, mit Menschen in Kontakt zu treten, seine Interessen zumindest Kundzutun und sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. Mit ihnen könnte er eine Interessengemeinschaft bilden, mit deren Hilfe er sich für seine Anliegen stark machen kann.

Ganz ohne solche Hilfsmittel und technische Errungenschaften ist es schwer denkbar, dass Menschen mit Behinderung Stemmers Machtbedingung erfüllen könnten. Selbst, wenn er sie tief ansetzt.

Stemmer kann also nur deswegen davon ausgehen, dass die meisten Menschen mit Krankheit oder Behinderung seine Machtbedingung erfüllen, weil es heute bereits viele Formen der Ermächtigung für schwächer Gestellte gibt. Interessengruppen, gesetzliche Bestimmungen, wohlfahrtsstaatliche Leistungen, technische Hilfsmittel und vieles mehr.

Das führt uns zur Frage, wie all diese Formen der Ermächtigung eigentlich entstanden sind.

Ideale und altruistische Gefühle

Stemmer könnte argumentieren, dass die aufgeführten Ermächtigungen für schwächere Menschen Resultat eben jener Ideale und altruistischen Gefühle sind, welche unser Verhalten prägen und mehr noch als die Moral unser alltägliches Handeln prägen.

Eines der wichtigsten Ideale, ist laut Stemmer das Ideal der Gleichheit. Unsere moderne Gesellschaft ist tief geprägt von diesem Ideal, obwohl es sich laut Stemmer nicht moralisch begründen lässt.

Doch wie haben Ideale, wie jenes der Gleichheit ihre Bedeutung erhalten? Slaverei, Ständegesellschaft, Kolonialismus und Rassentrennung zeigen, dass das Ideal keineswegs schon immer von so vielen Menschen geteilt wurde. Im Gegenteil handelt es sich bei der Gleichheit aller Menschen um eine moderne Vorstellung, die sich erst einmal durchsetzen musste.

Durchsetzen konnte sich das Ideal erst durch gesellschaftlichen Wandel. Angeführt wurde der Wandel von sozialen Bewegungen, von Gruppen, welche eine moralische Pflicht darin sahen, allen Menschen die gleichen Grundrechte zuzusprechen und soziale Ausbeutung zu minimieren. Eine solche Bewegung entsteht nicht, indem Menschen für ihre individuellen altruistischen Gefühle werben, sondern weil sie Dinge anprangern und verändern wollen, die sie für ungerecht halten. Etwa, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden.

Die berühmte Rede von Martin Luther King Jr. während des Marsches am 28. August 1963 in Washington für Arbeit und Freiheit.

Aufgrund von individuellen altruistischen Gefühlen können keine Rechte eingefordert werden. Die Gleichheit ist eben kein Ideal, sondern hat den Status einer Norm angenommen, aus der Gleichbehandlung abgeleitet und deren Missachtung sanktioniert wird. Solche Bewegungen entstehen oft gegen Widerstand der Mächtigen und stehen häufig im Widerspruch zu deren Eigeninteressen.

Das Scheitern des ethischen Kontraktualismus

Der ethische Kontraktualismus ist nicht in der Lage, eine befriedigende Antwort auf das Reichweitenproblem zu geben. Fragen der globalen Gerechtigkeit haben wir nicht einmal angesprochen.

Die Akzeptanz eines ethischen Kontraktualismus, wie ihn Stemmer, Rice, Narveson und andere vorschlagen, hätte zur Folge, dass die Rechte und der Schutz von Minderheiten, schwächeren Gesellschaftsgruppen und Lebewesen einer anderen Spezies nicht mehr universell begründbar wäre und entsprechend auch nicht mehr eingefordert werden könnte.

Dieser ethische Kontraktualismus steht quer zu den Werten und der moralischen Intuition der meisten Menschen in modernen Gesellschaften. Er fordert ein grundlegend anderes Moralverständnis. Gleichzeitig sind seine Vertreter aber nicht bereit, die radikalen Konsequenzen ihrer Theorie voll einzugestehen.

In seinem Buch schreibt Peter Stemmer:
«Die Moral entspringt gerade der Absicht, sicherzustellen, dass die Menschen auch dann, wenn sie keine altruistischen Gefühle oder Ideale oder Interessen haben, bestimmte Handlungen unterlassen bzw. tun.»
Darum, so Stemmer, bedürfe es einer moralischen Ordnung mit moralischen Rechten und Pflichten, die jedes Mitglied der moralischen Gesellschaft gegenüber jedem anderen hat, unabhängig von seinen altruistischen Idealen und Gefühlen.

Absurderweise sollte inzwischen klar geworden sein, dass der ethische Kontraktualismus das genaue Gegenteil zur Folge hat.
Er führt eben gerade dazu, dass Rechte und Pflichten gegenüber anderen weit mehr von individuellen Idealen und Gefühlen abhängen, als es heute gemeinhin der Fall ist, weil sich moralisch weit weniger einfordern liesse.
Und das wiederum hätte zur Folge, dass die Frage, wie man bestimmte Gruppen von Lebewesen behandelt, reine individuelle Einstellungssache wäre.

Der ethische Kontraktualismus scheitert also an den eigenen Ansprüchen und schlimmer noch, er ist schlicht und einfach amoralisch.

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