MinusGrenzen

Grenzen der Moral: (1) Das Reichweitenproblem

Stellen Sie sich vor, auf offener Straße unter den Augen von zahlreichen Fußgängern verprügelt ein Vater auf brutale Art und Weise seine 6-jährige Tochter. Stellen Sie sich vor, niemand greift ein. Niemand kommt dem Kind zu Hilfe. Die Fussgänger*innen, welche an der Szenerie vorbeilaufen, wundern sich vielleicht etwas. Einige schütteln missbilligend den Kopf. Doch sie alle gehen vorbei, ohne einzugreifen.

Und nun stellen Sie sich vor, dass auch Sie sich von diesem Ereignis nicht sonderlich betroffen fühlen. Nicht mehr zumindest, als wenn sie im Supermarkt einer Mutter dabei zusehen, wie sie mit ihrem Kind etwas heftig schimpft. Womöglich denken Sie sich mit Blick auf den Mann, der gerade sein Kind schlägt: «So etwas würde ich niemals tun». Vielleicht lehnen sie das Schlagen von Kindern als Erziehungsmethode gänzlich ab – aber sie empfinden keine moralische Empörung deswegen. Denn Sie leben in einer Welt, in der die Moral keine Grundlage bietet, sich über eine bestimmte Art des Verhaltens von Eltern gegenüber ihren Kindern zu empören. Die Reichweite der Moral schließt nämlich in dieser Welt die Eltern-Kind-Beziehung nicht mit ein.

Das Beispiel veranschaulicht ein Problem des sogenannten Reichweitenproblems, das sich insbesondere im sogenannten «ethischen Kontraktualismus» stellt, dem wir uns später noch eingehend widmen werden. Zuvor allerdings machen wir noch einmal einen Schritt zurück und werfen einen allgemeineren Blick auf das Thema «Gerechtigkeit».

Theorien der Gerechtigkeit

Unter den Theorien über Gerechtigkeit unterscheidet Lawrence Becker zwei grundsätzlich unterschiedliche Strömungen:

  • Erstens, jene Theorien, welche Gerechtigkeit als eine Sache der Fairness und Gleichheit aller menschlichen Wesen sehen und meist auch Tiere mit einbeziehen.
  • Zweitens, Theorien von Gerechtigkeit, die auf Begriffen wie «wechselseitiger Vorteil», «moral agency», «Mitgliedschaft in der moralischen Gemeinschaft» etc. aufbauen und damit eine begrenzte Reichweite der Gerechtigkeit implizieren.

Diese Eigenschaft der Begrenztheit der Gerechtigkeit oder des moralischen Raumes ist mit dem Begriff des Reichweitenproblems gemeint. Es ist ein Problem, das sich vor allem den Moraltheorien stellt, welche David Philipps, «rational choice contractualism» nennt. Theorien, die Moral als Teil eines kooperativen Verhaltens zum wechselseitigen Vorteil verstehen.

Gemäß der Kernidee dieses ethischen Kontraktualismus, wie es Uwe Czaniera zusammenfasst, ist …
«[…] eine moralische Norm N als begründet bzw. gerechtfertigt zu betrachten, wenn alle diejenigen, für die N gelten soll, einen hinreichenden Grund haben, N gutzuheissen. Dabei liegt ein solcher hinreichender Grund dann vor, wenn die Gültigkeit von N im Interesse aller durch N zu bindenden Individuen liegt. Typischerweise wird die Gerechtigkeit von N durch das Gedankenexperiment einer kollektiven Wahl oder Vereinbarung ermittelt bzw. illustriert […]»(Aus: Stärken und Schwächen kontraktualistischer Moralbegründung, in: Aufklärung und Kritik, S. 35).

Reichweitenproblem im ethischen Kontraktualismus

Das Reichweitenproblem betrifft also insbesondere Moraltheorien des ethischen Kontraktualismus. Gerade im Bezug auf Tiere lässt sich dieses Problem gut darstellen. So gibt es jene Ethiker wie Tom Regan, die der Meinung sind, dass moralische Prinzipien auch für Tiere Geltung haben müssen, während andere Philosophen wie etwa Jan Narveson dafür argumentieren, dass sich mit Tieren kein Vertrag abschliessen lässt, indem gegenseitige moralische Prinzipien und Pflichten festgelegt werden. Ergo ist Narveson der Meinung, das moralische Prinzipien für Tiere keine Geltung haben.

In derselben Weise umstritten ist in einer solchen Vertragstheorie der moralische Status von Kindern, Menschen mit schweren Beeinträchtigungen, ungeborenen Embryos oder zukünftigen Generationen.

Wie kann Moral begründet werden?

Alldem zugrunde liegt die Frage, wie sich moralische Prinzipien überhaupt begründen lassen. Kann es überhaupt eine objektive Begründung von Moral geben? Lässt sich Moral am Ende nicht immer auf eine individuelle, subjektive Meinung reduzieren? So etwas wie Geschmack.

Ebenso, wie ich ein essen lecker oder weniger lecker, ein Bild schön oder hässlich, mich ein Musikstück bewegen oder mich unberührt lassen kann, kann ich eine Handlung für richtig oder falsch halten.

Vertreter eines ethischen Kontraktualismus versuchen dieses Problem mit einer Vertragstheorie zu lösen. Durch die Vorstellung eines bindenden Vertrags, dessen Gültigkeit im Eigeninteresse aller Vertragsteilnehmer ist, erhalten moralische Prinzipien objektive Gültigkeit. Doch damit einher geht eben auch immer das Reichweitenproblem

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