MinusGrenzen

Geburtslotterie

Was bestimmt darüber, wer ein gutes und glückliches Leben führt? Ist es jeder einzelne, der mittels Fleiß und Willen sein Leben gestaltet oder eben doch eher das Glück, auf welches wir gar keinen Einfluss haben?

Erfolg als Ergebnis individueller Leistung
Spitzensportler wie Roger Federer gelten als Inbegriff jener Personen, die es mit dem eigenen Einsatz zu etwas gebracht haben. Niemand würde Roger Federer absprechen wollen, dass er für einen Erfolg hart arbeitet. Dieser Erfolg hat ihm neben weltweiter Bewunderung gemäß dem Forbes Magazine im Jahr 2018 rund 77 Millionen Dollar eingebracht. Und wenn auch niemand in Frage stellen will, dass Federer dafür hart gearbeitet hat, gibt es Zweifel daran, ob Leistung alleine seinen Erfolg erklären kann. So glauben etwa Philosophen wie Benjamin Huppert und Joachim Windisch, dass ein signifikanter Teil des Erfolgs von Spitzensportlern in erster Linie von ihrer jeweiligen genetischen Ausstattung bestimmt wird. Da niemand darüber entscheiden kann, mit welchen Genen er oder sie auf die Welt kommt, stellt die Geburt quasi eine Art existenzielle Lotterie dar, in der einige Glück, andere Pech haben.

Wo man geboren wird
Genetisch kann Roger Federer noch so viel Glück gehabt haben, wäre er etwa im Niger als Sohn armer Eltern zur Welt gekommen, würde er heute höchstwahrscheinlich nicht mehr als ein paar hundert Dollar im Jahr verdienen. Wer wie Federer als Schweizer zur Welt kam, hat nämlich in einem noch entscheidenderen Teil der Geburtslotterie den Sechser gezogen: Nämlich in der Lotterie des Geburtsorts.
In der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt, kamen 2018 gerade mal 85 253 von weltweit rund 82 Millionen Kindern zur Welt. Das entspricht einer Chance von gerade mal 0.1 Prozent.
Doch ist der Geburtsort denn wirklich so entscheidend? Leben wir nicht in einer Welt, in der jede Person durch individuelle Leistung ihr Schicksal selbst bestimmen kann? Leider nein, lautet die Antwort des renommierten Ökonomen Branko Milanović. In seinem Buch «Die ungleiche Welt» stellt er fest, dass achtzig Prozent des Einkommens eines Menschen durch seine Staatsangehörigkeit und das Einkommen seiner Eltern bestimmt wird. Menschen, die in einem armen Land zur Welt kommen, haben außer durch Migration beinahe keine Chance, ihren Lebensstandard auf ein vergleichbares Niveau mit dem von Menschen in reichen Ländern anzuheben.

Moderne Ständegesellschaft
Im Mittelalter und der frühen Neuzeit herrschte die sogenannte Ständeordnung in Europa vor. Ob jemand als Adliger, als Bauer oder Arbeiter geboren wurde, entschied darüber, ob einem ein Leben in Wohlstand oder Armut bevorstand. Chancen, in einen höheren Stand aufzusteigen, gab es kaum. Moderne Demokratien brüsten sich damit, diese ungerechte Ständegesellschaft hinter sich gelassen zu haben. In seinem Buch «The Ethics of Immigration» zieht der Politikwissenschaftler Joseph H. Carens diesen angeblichen Fortschritt in Zweifel. «Als Bürger eines reichen Staates in Europa oder Nordamerika geboren zu werden ist, als wäre man in den Adelsstand hineingeboren worden», so Carens.
Carens ist einer von vielen Philosophen und Politikwissenschaftler, welche die moralisch willkürliche Ungleichheit in der Verteilung von Privilegien durch die Geburt als ungerecht betrachten. Seit Jahrzehnten diskutieren sie über Mechanismen zur Herstellung sogenannter Verteilungsgerechtigkeit und deren Ausgestaltung sowohl im Kleinen wie im Großen.

Frage der Verteilungsgerechtigkeit
Die eingangs erwähnten Philosophen Benjamin Huppert und Joachim Windisch etwa schlagen innerhalb des Spitzensports eine stärkere Ausdifferenzierung von Wettbewerbsklassen vor, um unverdiente genetische Vorteile der einzelnen Athleten zu eliminieren. Während sich ihr Vorschlag auf einen ganz bestimmten Lebensbereich richtet, schlagen andere Gerechtigkeitstheoretiker wie Hillel Steiner weit umfassendere Maßnahmen vor. Schon seit den 90er Jahren argumentiert Steiner in zahlreichen Publikationen für einen sogenannten «Global Fund». Er verlangt, dass die ungleich verteilten Ressourcen, sei das Land, Bodenschätze, die daraus produzierten Güter oder eben auch genetischen Informationen nach ihrem Wert besteuert werden. Die Steuereinnahmen wandern in den Global Fund und werden schließlich zu gleichen Teilen unter allen Menschen aufgeteilt.
Dieses Grundeinkommen soll gewährleisten, dass alle Individuen zu gleichen Teilen von den natürlichen Ressourcen der Erde profitieren können, egal wo und mit welchen Genen sie zur Welt gekommen sind.

Sicher, Hillel Steiners Global Fund mag aus heutiger Perspektive unrealistisch, ja gar utopisch erscheinen. Doch machen wir es uns, die als Sieger aus der Geburtslotterie hervorgekommen sind, nicht zu leicht. Die Welt wird zunehmend kleiner und jene, die in der Geburtslotterie weniger Glück hatten, kommen stetig näher und klopfen an die Tore unserer Paläste. Wir können wie die Adligen im Mittelalter mit Unterdrückung und Abschreckung reagieren oder aber wir anerkennen die Rechtmässigkeit ihrer Ansprüche und suchen nach neuen Wegen zu mehr Verteilungsgerechtigkeit, damit die Gleichheit aller Menschen keine leere Floskel bleibt und die Chancen auf ein gutes Leben nicht länger vom Zufall der Geburt abhängen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.