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Rohingya - Kinder laufen durch das Flüchtlingslager in Cox's Bazar in Bangladesch

Die prekäre Lage der Rohingya: Gezwungen immer wieder mit Nichts neu anzufangen

Die Brutalität, mit der das Militär von Myanmar nach dem Putsch im Februar gegen die Zivilbevölkerung vorgeht, ist nicht neu. Lange davor ging sie mit derselben Brutalität gegen die Bevölkerungsteile der Rohingya vor. Ihre Wurzeln im Land wurden geleugnet, ihr Bürgerrecht hat man ihnen verweigert.

Zur jüngsten Eskalation kam es im Jahr 2017. Das Militär in Myanmar begann in einer brutalen Säuberungsaktion die Rohingya zu jagen. Mit Massenmorden, Vergewaltigungen und Folter vertrieb man so rund 700’000 Rohingya aus dem Land.

Die meisten von ihnen flohen nach Bangladesch. Hier nahe der Küstenstadt Cox’s Bazar befindet sich das grösste Flüchtlingscamp der Welt. Rund 860’000 Flüchtlinge, fast ausschliesslich Angehörige der Volksgruppe der Rohingya, leben hier und widrigen Bedingungen.

Am 22. März dieses Jahres zerstörte ein schwerer Brand grosse Teile des Lagers. Mehr als ein Dutzend Menschen sind gestorben und zahlreiche Personen wurden verletzt. Zehntausende verloren ihre Unterkunft und ihr Hab und Gut.

Immer wieder mit nichts neu anfangen

Auch Mohammad Ahtaram lebt seit 2017 in dem Flüchtlingslager. Er hat für The New Humanitarian die Situation der Rohingya im Lager beschreiben.

«Wir Rohingya», schreibt er, «haben uns nur all zu sehr daran gewöhnt, mit nichts wieder neu anzufangen – als Folge katastrophaler Brände und monsunartiger Fluten, oder nachdem wir vor dem Terror in unserem Heimatland fliehen mussten.»

Mindestens 48’000 Menschen sollen durch den Brand Ende März alles verloren haben. Laut Ahtaram besitzen viele von ihnen heute nicht mehr als drei Stück Bambus und eine Plane.

Die Menschen sind noch immer verängstigt. Denn über das Jahr hinweg seien Dutzende kleine Feuer ausgebrochen, bevor es zum Grossbrand Ende März gekommen war. Viele der Rohingya hegen den Verdacht, so Ahtaram, dass jemand absichtlich die Brände legt.

Beitrag auf Minusgrenzen.com vom 06.04.2021.

«Wir sind Überlebende eines Genozids, aber es fühlt sich an, als würde das Leid niemals enden. Wir erleben eine Krise nach der anderen.».

Mohammad Ahtaram

In ständiger Furcht vor Katastrophen

2017 ist Mohammad Ahtaram wie viele andere aus Myanmar geflohen ist. Tage- und nächtelang seien sie gewandert, haben Flüsse und schlammige Felder überquert, bis sie Bangladesch erreichten.

«Ich erinnere mich, wie wir 2017 unser Zuhause verlassen haben, nachdem wir gehört hatten, wie die Armee ankündigte, sie würde alle erschiessen. Einige Stunden später auf unserem Weg in Richtung Grenze, drehte ich mich um, um noch einmal zu sehen, was ich zurücklasse. Dicker Rauch stieg in den Himmel auf. Die gesamte Stadt stand in Flammen. Ich dachte zu mir selbst ‚Wir haben unser Heimatland verloren‘».

Panoramabild der Flüchtlingslager nahe Cox's Bazar, wo die nach Bangladesch geflohenen Rohingya leben.
Panoramabild der Flüchtlingslager nahe Cox’s Bazar.

Das Flüchtlingslager nennt er inzwischen sein Zuhause, obwohl diese hügelige Landschaft nicht dafür geschaffen sei, dass hier Hunderttausende Menschen leben.
Während der Monsunzeit führt der viele Regen zu Erdrutschen, welche die Bambuszelte, in denen die Menschen wohnen, umreissen oder unter sich begraben. Im Mai, so Ahtaram, erreicht die Wirbelsturmsaison ihren Höhepunkt. Erst vor einigen Wochen habe ein kleinerer Sturm die temporären Zelte jener zerstört, die eben erst ihre Unterkunft im Feuer verloren hatten.

Grosse Sorge macht den Menschen auch die Sicherheitslage. Aufgrund fehlender Sicherheitskräfte gebe es im Flüchtlingslager viel Kriminalität. Kinder würden von Menschenhändler verschleppt und Frauen sexuell missbraucht.

Mit Stacheldraht eingezäunt

Die Flüchtlinge leben im Lager hinter Stacheldrahtzäunen, das Eintreten und Verlassen des Lagers wird laut Ahtaram den Menschen absichtlich schwer gemacht.

Viele berichten, dass beim Brand im März die Zäune, die Menschen daran behindert haben, sich in Sicherheit zu bringen. Abdu und seine Familie mussten durch ein Loch kriechen, das durch die Drähte gerissen worden war, um zu fliehen.
«Wir hätten nicht so viele Leben und so viel Besitz verloren, wenn nicht diese Zäune da gewesen wären, und wenn es einen richtigen Eingang für die Feuerwehr gegeben hätte», erzählte Abu.

Bilder der Verwüstung. Nach dem Brand in Cox's Bazar Ende März haben Tausende Rohingya ihre Unterkunft verloren.
Nach dem Brand Ende März 2021.

UN-Experten und Menschenrechtsaktivisten haben die Regierung von Bangladesch aufgefordert, die Stacheldrahtzäune sofort abzubauen.
Der Bau dieser Zäune geht auf den November 2019 zurück. Die Behörden wollten so, die Bewegungsfreiheit der Rohingya-Flüchtlinge einzuschränken. Anfang 2021 sind laut Angaben 80% der Zäune fertiggestellt worden, was mehr als 142 km Zäune bedeutet.

«Ich war zutiefst schockiert, als bei meinem letzten Besuch in Cox’s Bazar im Januar 2020 Stacheldrahtzäune gebaut wurden», sagte Yanghee Lee, der ehemalige UN-Sonderberichterstatter über die Situation in Myanmar.

Steigende Infektionszahlen

Ebenfalls Grund zur Sorge bereitet derzeit eine relativ plötzliche Zunahme von Coronavirus-Infizierten.

Am Donnerstag, 20.05.202, verfügte Bangladesch über fünf von den 34 Camps in Cox’s Bazar einen Lockdown, nachdem am Mittwoch und Donnerstag ein Höchstwert an Neuinfizierten (jeweils 45 Neuinfizierte) verzeichnet wurde. Am Sonntag, 23.05.2021 waren es sogar 49 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden.

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Zur Zeit befinden sich rund 900 Infizierte in Quarantäne. Nicht nur bedeutet dies eine starke Einschränkung der Bewegungsfreiheit für die dort lebenden Flüchtlinge, auch das Hilfspersonal müsse auf ein Minimum reduziert werden.

Der schwierigen Situation im Lager von Cox’s Bazar begegnete die Regierung Bangladeschs mit dem Plan, mindestens 100’000 Menschen nach Bhasan Char umzusiedeln. Hierbei handelt es sich um eine der 75 Inseln Bangladeschs. Eine unbewohnte Insel im Golf von Bengalen. Seit Ende des letzten Jahres sind rund 20’000 Rohingya-Flüchtlinge dorthin umgesiedelt worden.

Insel Bhasan Char: Vorwurf der Menschenrechtsverletzungen

Ende April dieses Jahres berichtete die Organisation Human Rights Watch von Menschenrechtsverletzungen auf der Insel. So hätten etwa Sicherheitskräfte am 6. April eine Gruppe von Rohingya geschlagen und gegen ihren Willen festgehalten, als sie versuchte, die Insel zu verlassen. Bei dem Vorfall sind laut HRW mindestens 12 Flüchtlinge, welche die Insel verlassen wollten, festgenommen wordne, ohne deren Familien zu informieren.

Des Weiteren berichtet Human Rights Watch von einem Vorfall, der sich am 12. April ereignet haben soll. Ein Mann in Marineuniform soll vier Kinder mit einem PVC-Rohr geschlagen haben, weil die Kinder ihre Quartiere zum Spielen verlassen hätten. Laut Zeugenaussagen seien die Kinder zwischen acht und elf Jahre alt gewesen.

Bangladesch muss seine Verantwortung wahrnehmen

«Die Regierung von Bangladesch hat unzählige Leben gerettet, indem sie den Rohingya Zuflucht gewährt hat. Dies rechtfertigt jedoch nicht, sie auf einer Insel festzuhalten und zu schlagen, wenn sie versuchen, sich zu bewegen», sagte Brad Adams, Asien-Direktor von Human Rights Watch. «Die Last, die Bangladesch bei der Betreuung von Rohingya-Flüchtlingen übernommen hat, negiert nicht seine Verantwortung, für ihre Sicherheit zu sorgen und ihre Rechte zu respektieren.»

Laut den Zeugenaussagen, die Human Rights Watch gesammelt hat, soll ein Polizeibeamter zu einem Zeugen gesagt haben:
«Sag Deinen Rohingya-Freunden, dass, wenn sie auch zu fliehen versuchen sollten, sie das selbe Schicksal ereilen wird.»
Zudem hätten die Beamten Unterkünfte gestürmt, um vermisste Personen zu identifizieren, und hätten dabei Anwohner bedroht und geschlagen, um Informationen zu erhalten.

Die Mutter eines Festgenommenen erzählte, ein Beamter hätte Geld verlangt und gedroht, sonst werde er ihren Sohn in einem «Kreuzfeuer» töten. «Kreuzfeuer» wird in Bangladesch als Euphemismus für aussergerichtliche Hinrichtungen verwendet.
«Er bedrohte uns, sagte, wir sollten Geld bereit halten, oder sie würden meinen Sohn in einem Kreuzfeuer ins Visier nehmen. Wir sagten, wir könnten uns nicht leisten, zu zahlen und fragte, wo mein Sohn jetzt sei. Der Mann sagte, zahl zuerst das Geld, dann wird dein Sohn sicher sein.»

943 Millionen US-Dollar benötigt

Andrej Mahecic, Sprecher des UNHCR, erklärte, dass man mit verschiedenen Organisationen und der Regierung Bangladeschs einen 943-MIllionen-US-Dollar teuren Plan verfolge, um die Bedürfnisse der mehr als 880’000 Rohingya-Flüchtlingen und 472’000 Bangladeschern in den umliegenden Aufnahmegemeinschaften im Cox-Bazar-Distrikt zu befriedigen.

«Mit der Flüchtlingskrise im vierten Jahr braucht Bangladesch robuste und nachhaltige internationale Unterstützung, um die Sicherheit und das Wohlbefinden staatenloser Rohingya-Flüchtlinge zu gewährleisten. Dies darf keine vergessene Krise werden.»

Im vergangenen Jahr hätten die Vereinten Nationen mehr als 1 Milliarde US-Dollar gefordert, um die Bedürfnisse der Menschen im Bazar-District von Cox zu stillen, doch Ende 2020 seien gerade mal knapp 60% Prozent davon finanziert worden.

Das Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch.
Das Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch.

Wie schwierig es werden dürfte, diesen Betrag zu sammeln, zeigt sich am Beispiel Englands. Kürzlich berichtete The Guardian, dass die britische Regierung ihre finanzielle Beiträge für die humanitäre Hilfe für die Rohingya um mehr als 40% gekürzt hat. Die Briten würden dementsprechend 27.6 Millionen Pfund zu den Plänen für die humanitäre Unterstützung beitragen. Im Vergleich dazu beteiligte sich im letzten Jahr die britische Regierung mit 47.5 Millionen Pfund. Bereits davor kürzte die Regierung schon Hilfsbeiträge an Jemen und Syrien. Insgesamt kürzt die Regierung ihr Budget für humanitäre Hilfe von 0.7% des Bruttonationaleinkommes auf 0.5%.

Kirsty McNeill von der Organisation «Save The Children» reagierte im Guardian empört:
«Diese Entscheidung wird katastrophale Konsequenzen für einige der am meisten verzweifelten und verletzlichen Menschen der Welt haben. Das Vereinigte Königreich zieht sich zu einem Zeitpunkt zurück, als sie uns am meisten brauchen.»

Asylpolitik in Süd- und Südostasien

In vielen Regionen Asiens herrschen eine rigide Asylpolitik und ein diskriminierendes Grenzregime vor.
Die meisten Länder in Süd- und Südostasien haben die Flüchtlingskonvention von 1951 nie ratifiziert und haben keine spezifischen Asylgesetze (Ausnahmen sind Kambodscha, die Philippinen, Japan und Südkorea).

Den Flüchtlingsstatus von Geflüchteten bestimmt in diesen Regionen das UNHCR auf Grundlage strenger Bewertungsrichtlinien. Die so ausgestellten UNHCR-Ausweise bieten den Flüchtlingen ein Mindestmass an Schutz vor Abschiebungen. Nichtsdestotrotz sind ihre Lebensbedingungen in den Aufnahmeländern höchst prekär.

Die Rohingya sind gezwungen, immer wieder mit nichts neu anzufangen. Aus dem Heimatland vertrieben leben sie in ihren Aufnahmeländern unter prekären Bedingungen, immer der Gefahr ausgesetzt, abgeschoben zu werden.
Die Rohingya sind gezwungen, immer wieder mit nichts neu anzufangen.

Die Pandemie sowie zunehmender Populismus haben in den letzten Jahren die Situation von Geflüchteten wie den Rohingya noch weiter erschwert.

2017 kündigte Indien, das bis dahin als grosszügiges Aufnahmeland galt, eine beispiellose Massendeportation aller im Land lebender Rohingya an, welche fortan als «illegale Migranten» deklariert wurden.
Die vom UNHCR ausgestellten Papiere, so stellten Beamte des Innenministeriums klar, hätten keinen Wert mehr, da Indien keine Vertragspartei der Flüchtlingskonvention von 1951 ist.

Seit dem Putsch in Myanmar hat die indische Regierung die Abschiebepraxis weiter verschärft. Derzeit werden fast 300 Rohingya in Jammu, Kaschmir und Delhi in Abschiebehaft festgehalten. Der Oberste Gerichtshof des Landes lehnte es jüngst ab, das Abschiebeverfahren auszusetzen. Indien trage keine Verantwortung für die Situation in Myanmar, so das Gericht.

Die wiederkehrenden Wahlversprechen, Rohingyas aus dem Land zu werfen, anhaltende Verhaftungen ganzer Rohingya Familien schufen unter den Rohingya ein Klima der Angst.

Aus dem Heimatland vertrieben sind die Rohingya auf die Solidarität der Aufnahmeländer angewiesen.
Aus dem Heimatland vertrieben sind die Rohingya auf die Solidarität der Aufnahmeländer angewiesen.

Verschärfte Grenzkontrollen und Menschenhandel

Ein Land, in das ebenfalls viele Rohingya flohen, ist Malaysia. Das Land anerkennt ihre Schutzbedürftigkeit. Doch aufgrund eines Arbeitsverbots und der Verweigerung des Zugangs zur Hochschulbildung ist das Leben der Rohingya in Malaysia von einer schweren sozio-ökonomischen Marginalisierung geprägt.

Seit Beginn der Corona-Pandemie wurde zudem die Grenzkontrolle verschärft. Seit 2020 sind mindestens 27 Flüchtlingsboote zurückgedrängt worden.

Die Schutzbedürftigkeit der Rohingya-Flüchtlinge zeigt sich auch daran, dass sie immer wieder Opfer von Menschenhandel werden, wo sie Vergewaltigungen und Folter ausgesetzt sind.

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