MinusGrenzen

Der Effektive Altruismus: Helfer mit dem Taschenrechner

Wie können wir mit unserer Zeit und unserem Geld so viel Gutes wie möglich
bewirken? Mit dieser Frage beschäftigen sich Effektive Altruisten tagtäglich und
schrecken dabei vor kontroversen Thesen nicht zurück.

Das ertrinkende Kind

In Debatten um die Frage, ob es eine moralische Pflicht gibt, Menschen in Not zu
helfen, wird immer wieder auf das Gedankenexperiment des australischen Philosophen Peter Singer zurückgegriffen, welches er 1972 in seinem einflussreichen Aufsatz «Hunger, Wohlstand und Moral» erstmals formuliert hat.
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf dem Weg zu einem wichtigen Geschäftstermin. Extra für diesen Termin haben Sie neue, teure Kleider gekauft. Sie kommen an einem Teich vorbei und bemerken, dass ein Kind darin zu ertrinken droht. Sind Sie nun moralisch dazu verpflichtet, dem Kind zu helfen? Auch wenn
Sie den wichtigen Termin deswegen verpassen und Ihre teuren Kleider ruinieren? Die meisten werden diese Frage trotz der Kosten, ohne zu zögern, mit einem Ja beantworten.

Peter Singer in der Fernsehsendung Sternstunde Philosophie, SRF 2015.

Hilfspflicht und Effektiver Altruismus

Nun sterben heute noch immer täglich rund 8500 Kinder weltweit an den Folgen von Hunger. Mittels Spenden könnten viele dieser Kinder gerettet werden. Die Effektiven Altruisten sind davon
überzeugt, dass wir diesen Kindern gegenüber dieselbe Hilfspflicht haben wie gegenüber einem Kind, das vor unseren Augen ertrinkt, ganz ungeachtet der räumlichen Distanz, die
uns von ihnen trennt.
Aus der Überzeugung, dass wir moralisch dazu verpflichtet seien, einen grossen Teil unserer Zeit und unseres Geldes für die Bekämpfung der Not anderer Lebewesen einzusetzen, entstand
die philosophische und soziale Bewegung des Effektiven Altruismus. In der Schweiz werden die Positionen der Bewegung seit 2015 von der Stiftung für Effektiven Altruismus in Basel vertreten.

Hedgefond-Manager statt NGO-Mitarbeiter

Um herauszufinden, wie ein Einzelner mit seinen vorhandenen Ressourcen möglichst viel Gutes bewirken kann, stützen sich die Effektiven Altruisten auf die wissenschaftliche Beurteilung von Hilfsorganisationen und rationale Überlegungen. Neben einer Spendenberatung bieten die Effektiven Altruisten Hilfe bei der Berufswahl an.
Besondere Beachtung erhält hierbei der Aspekt der «Ersetzbarkeit». Wer viel bewirken will, muss Dinge tun, die sonst nicht getan würden. Die Arbeit in einer NGO etwa ist sehr beliebt bei jungen Menschen und oft nicht besonders gut bezahlt. Es ist daher viel effektiver, einen hoch bezahlten Job im Finanzsektor zu suchen und dann einen Grossteil seines Einkommens zu spenden, was ein anderer in derselben Position nicht tun würde.

Ob eine Handlung moralisch richtig oder falsch ist, entscheiden die Effektiven Altruisten in erster Linie mittels nüchterner Berechnungen. Mit der Höhe der Anzahl geretteter Leben steigt der moralische Wert einer Handlung. Dabei spielen unsere persönlichen Beziehungen und Verpflichtungen vorderhand keine
Rolle.

Fernsehbeitrag im SRF 2015.

Fragwürdige Handlungsempfehlungen

Die Resultate dieser Kosten-Nutzen-Berechnung fallen oft kontrovers aus.
Wenn etwa die Ausbildung eines einzigen Blindenhunds mehrere Zehntausend Franken kostet und ich mit demselben Geld in Entwicklungsländern mehrere Tausend Menschen vor dem Erblinden bewahren kann, sollte ich mich dem Imperativ der Glücksmaximierung folgend für Letzteres entscheiden.

William MacAskill, einer der Gründerväter der Bewegung, empfiehlt, Billigprodukte anstatt teurere Fairtrade- und Bioprodukte zu kaufen und das dabei gesparte Geld zu spenden.
Unter denselben Überlegungen ist es moralisch schwer zu rechtfertigen, Zeit und Energie in die Erziehung eines eigenen Kindes zu stecken, wenn doch mit denselben Ressourcen Tausende Kinder vor dem Verhungern bewahrt werden können. Ausgaben für Kultur und Bildung lassen sich kaum noch rechtfertigen, weil durch sie keine Leben gerettet werden.

Irgendwo zwischen Radikalität und Trivialität

Der ideale Effektive Altruist, so scheint es, wäre ein Roboter, der frei von empathischen Empfindungen rein auf der Grundlage mathematischer Berechnungen handelt. Allerdings stellt sich die Frage, ob ein Leben unter solchen Robotern überhaupt noch lebenswert wäre.

Die meisten Effektiven Altruisten werden erwidern, dass so eine radikale Anwendung des Kosten-Nutzen-Kalküls von niemandem verlangt werde. Für viele beschränkt sich seine Anwendung auf die Frage, wohin sie einen Teil ihres Einkommens spenden sollen. So bewegt sich der Effektive Altruismus irgendwo zwischen Radikalität und Trivialität hin und her und scheitert bislang daran, eine in sich konsistente und
konsequente ethische Theorie zu formulieren.

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